Die Heimreise

Um unsere Blaue Rakete ein wenig zu schonen haben wir uns entschlossen, von Durrës mit der Fähre nach Ancona zu fahren. Von Ancona aus sind es nur noch etwa 700 km bis in die Schweiz und die sollten doch – so hofften wir – ohne grosse Probleme zu schaffen sein. Auf der Fähre waren vor allem Lastwagenfahrer und Albaner, die auf der Rückreise von ihrem Heimaturlab waren. Im Aufenthaltsraum wurden laute und hitzige Diskussionen über Fussball geführt – eine Leidenschaft, die wohl so ziemlich alle Völker der Erde gemeinsam haben.

Mit viel Verspätung haben wir in Durrës abgelegt und sind rund 18 Stunden später in den Hafen von Ancona eingefahren. Schon beim Starten des Büsslis merkten wir, dass der Motor wieder mal gar nicht gut lief. Fehlzündungen und viel schwarzer Rauch zogen die Blicke der umstehenden Personen auf uns. Wir steuerten den nächstgelegenen Campingplatz an und starrten mal wieder in den Motorraum. Mit Hilfe der „Telefonseesorge“ unserer Werkstatt in Winterthur wurde uns klar, dass unser Motor wohl zu viel Benzin verbrannte. Und das könnte an einer defekten Lambdasonde liegen. Also, Lambdasonde ausgezogen und siehe da, der Motor lief wieder normal! Am nächsten Tag versuchten wir, in einer nahegelegenen VW-Werkstatt eine neue Sonde zu kaufen. Leider hatten sie keine, da es in Italien angeblich nur Diesel-Büssli gäbe. Naja, nicht so schlimm, denn den Katalysator hatten wir vor der Reise ausgebaut (nicht alles Benzin im Osten ist bleifrei) und somit war die Lambdasonde eh nicht so wichtig.

So allmählich freuten wir uns auf unser Zuhause. Die vielen Pannen im Hinterkopf und vor uns die Schweiz, die mit Chääs und Schoggi lockte… Wir steuerten im direkten Kurs auf die Schweizer Grenze zu und fuhren nach einer Nacht in der Nähe von Rimini bis ins Tessin durch. Erstaunlich, wie schnell man in Italien vorankommt! In Russland hätten wir für die gleiche Strecke fast doppelt so lang gebraucht. Hinter der Grenze schrien unsere Mägen erfreut auf („Olma-Bratwurst, Raclette-Käse, Rivella, Gruyère-Käse, dunkles Brot…!“ 🙂 ) und wir hielten beim ersten Migros nach dem Schweizer Zoll. Am Abend gab es dann auf dem Campingplatz ein kleines Festmahl mit Raclette und Bratwurst – mmmh…!

Auf der weiteren Rückfahrt nahmen wir es gemütlich und verbrachten noch eine Nacht auf einem Campingplatz bei Luzern bevor wir am nächsten Vormittag bei unserer Garage – dem Zuhause unseres Büsslis – eintrudelten. Hier begann das Auspacken, Aufräumen und Putzen. Es war ein bisschen wie Ausziehen… ein komisches, etwas wehmütiges Gefühl.

Naja, nun ist unsere Reise leider vorüber, aber es ist auch schön wieder zu Hause zu sein. Jetzt freuen wir uns darauf, uns an all die tollen Abenteuer, Menschen und Erlebnisse auf unsere Reise zu erinnern. Dieser „Film“ bleibt uns ein Leben lang!

Albanien

Wir hatten von anderen Reisenden schon viel Gutes über Albanien gehört. Jetzt wollten wir uns selbst davon überzeugen.

Unser erste Ziel war Ksamil auf einer Halbinsel direkt hinter der Grenze. Die Insel ist nur im Norden mit dem Festland verbunden, so dass wir uns von Süden kommend mit einer kleinen „Fähre“ übersetzen lassen mussten.

AL L1090176AL L1090180AL L1090181AL L1090183

Auf dem kleinen Campingplatz Ksamil Caravan Camping wurden wir sehr herzlich mit Getränken und Bonbons empfangen. Der Platz liegt zwar nicht direkt am Meer, aber die wunderschöne Bucht ist in wenigen Minuten zu Fuss zu erreichen. Um den Campingplatz herum liefen ein paar streunende Hunde, die aber zu ängstlich waren, um sich füttern zu lassen. Stattdessen hat sich ein kleines, mageres Kätzchen über unser Hundefutter hergemacht und es sich bei uns gemütlich eingerichtet.

AL WP_20140920_001AL IMGP0513AL WP_20140921_021

Nach drei gemütlichen Tagen und Nächten in Ksamil fuhren wir weiter nach Himarë. Auf dem Weg dorthin schauten wir uns die 200 Jahre alte Festung von Porto Palermo an. Gegenüber der Festung gibt es noch eine kleine Kirche. Der damalige Bauherr hat dessen Qualität angeblich dadurch getestet hat, dass er den Bauingenieur und den Architekten in die Kirche setze und mit einer Kanone auf das Gemäuer schoss. Alle Drei haben den Test überstanden.

AL GW0B2534AL GW0B2532AL GW0B2538AL GW0B2559AL GW0B2530AL GW0B2529

Himarë war ein wenig trostlos, der Campingplatz voll von österreichischen und deutschen Rentnern und keine streunenden Tiere weit und breit. Somit sind wir schon nach einer Nacht weiter nach Norden gefahren; bergauf, bergab der Küste nach durch idyllische Dörfchen mit spektakulärer Aussicht über das türkisblaue Meer. Etwa 25 km hinter Himarë erhob sich ein hoher Berg vor uns, den wir über eine langgestreckte Serpentinenstrasse überqueren sollten. Der Wind entlang der Küstenstrasse war recht stark und wurde auf der Passstrasse noch stärker. Unser Büssli kämpfte sich eine Steigung nach der nächsten hinauf. Wir hofften, dass wir es bis oben schaffen würden, denn wir hörten ein verdächtiges Klappern aus dem Motorenraum. Plötzlich zum was-weiss-ich-wievielten Mal ein rotes Warnlämpchen: Zu wenig Wasser. Pfff… einem 25-jährigen Büssli gesteht man ja eine gewisse Inkontinenz zu, aber bitte… irgendwann ist auch mal gut!
Wir hielten in einer Haltebucht an. Zu allem Überfluss war es auch noch so stürmisch, dass wir kaum die Büsslitür aufbekamen. Wir haben also gar nicht erst versucht, in den Motorraum zu schauen, sondern sind vorsichtig noch ein Stückchen weiter gefahren, um etwas Windschatten zu finden. Das Warnlämpchen blinkte wieder frenetisch und keine Haltebucht war in Sicht. Es blieb uns also nichts anderes übrig als auf der Strasse zu halten. Kurze Zeit später hielt ein Campingurlauber nach dem anderen neben uns an, um uns ihre Hilfe anzubieten. Aber wozu hat man denn den TCS :). Glücklicherweise war der Verkehr auf der Passstrasse gering, denn am Ende haben wir dann doch geschlagene 1,5 Stunden auf den Abschleppwagen warten müssen. Unser Büssli wurde auf dem Abschlepper festgezurrt und wir in die Fahrerkabine verfrachtet.

AL WP_20140923_003

Mit Tempo 20 ging es auf den Pass hoch, um dann mit viel Schwung ins Tal und sogar noch etwa 30 km weiter bis nach Vlorë hinabzudüsen. Der Abschleppwagen hielt bei einer Art Schrottplatz und wir haben schon gedacht, der TCS hätte die Nase voll von uns oder irgendein Missverständnis liege vor. In der hinteren Ecke des Schrottplatzes entdeckten wir dann aber doch etwas, das einer Werkstatt ähnelte. Der Schrottplatz war wohl mehr so etwas wie ein Ersatzteillager. Und trotz des chaotischen Äusseren und anfänglicher Bedenken unsererseits, entpuppte sich die Werkstatt später als kompetent und hilfsbereit. Sofort nach unserer Ankunft nahm sich einer der Mechaniker Zeit für uns und schaute in den Motorraum. Christian hatte bereits die Kühlwasserpumpe im Verdacht. Der Mechaniker baute sie aus. Und tatsächlich – das Lager der Pumpe war hinüber.

AL WP_20140923_15_18_35_ProAL WP_20140923_15_52_34_Pro

Die Werkstatt versuchte, in Vlorë und Umgebung eine Ersatzpumpe zu finden; leider ohne Erfolg. Plan B war, am nächsten Tag in Tirana nach einer Pumpe zu suchen. Der Werkstattchef hat uns erlaubt, die folgende Nacht im Büssli zu verbringen. Er meinte, sein Bruder – der Nachtwächter – und die Wachhunde würden uns beschützen. Vor was auch immer. Der Nachtwächter-Bruder entpuppte sich als sehr gesprächsfreudig und unterhielt sich mit uns auf Albanisch. Wir verstanden nicht alles, aber das Wichtigste lässt sich ja immer irgendwie mit Händen, Füssen und Geduld vermitteln. Wir teilten unsere Dosen-Kartoffelsuppe mit ihm im Büssli, da er uns erzählte, dass er in seinem Wachhäuschen (ein Schrottauto, das auf einen Stapel rostiger Container gestellt wurde) oft nachts friere. Anschliessend zog er sich in seinen Wachturm zurück und wir machten es uns im Büssli gemütlich. Das ist das Tolle am Büssli: Egal, wo man steht (in diesem Fall ein Werkstatt-Schrottplatz mit dicken Ratten und Wachhundegebell), drinnen ist es immer schön und heimelig.

Die Ersatzteilsuche in Tirana am nächsten Tag war leider auch erfolglos und so machten sich die Mechaniker daran zu versuchen, unsere alte Wasserpumpe zu reparieren. Und sie haben es wirklich hinbekommen! Nach der 101ten Entlüftung des Kühlwasserkreislaufs auf dieser Reise konnten wir am späten Nachmittag weiterfahren. Wir kamen erst im Dunkeln auf dem nächsten Campingplatz bei Kavajë an, aber wir kamen an.
Nicht weit nördlich von Kavajë liegt Durrës, von wo aus viele Fähren nach Italien ablegen. Da das Büssli auch mit reparierter Wasserpumpe immer noch nicht wieder ganz normal fuhr, buchten wir ein Ticket für die Fähre nach Ancona, um uns und dem Büssli den Weg durch Kroatien zu ersparen. Bis zum Abfahrtstermin blieben uns vier Tage auf dem Campingplatz bei Kavajë. Dann hiess es „Tung, Shqipëria!“ (wir kommen sicher wieder) und „Ciao, Italia!“.

AL GW0B2591AL L1090161AL L1090168AL L1090172AL L1090228AL L1090266AL L1090271AL L1090273AL L1090274AL L1090278AL L1090285

Griechenland

Hinter der türkischen Grenze westlich von Istanbul sind wir dem Meer entlang weiter nach Westen gereist. Das Wetter in Griechenland war wechselhaft, aber immer noch warm genug zum Baden. Dafür waren die Campingplätze und Strände leer. Richtige Erholung – ganz ohne Büssli-Pannen! Ein Traum 🙂

 

Istanbul

Im Verkehrsstau rollten wir langsam und mit einem tollen Ausblick über den Bosporus von Asien zurück nach Europa. Istanbul ist einfach eine riesige Stadt! Und so bunt und laut und quirlig und touristisch und verwinkelt… so anders als russische Städte. So europäisch halt. Schön. Aber auch Anfang September immer noch sehr heiss.
Wir suchten nach einem Stellplatz, der im Internet beschrieben war und direkt neben einem Sportplatz südlich der Hauptsehenswürdigkeiten direkt am Ufer liegen sollte. Alles, was wir fanden, war eine grosse Baustelle… Schade… Aber direkt hinter der Baustelle wurden wir doch fündig: Ein einfacher Stellplatz, auf dem sich schon einige Urlaubsmobile aus verschiedenen europäischen Ländern tummelten. Es gab zwar lediglich ein einfaches WC und keine Dusche, aber das würde für ein paar Tage schon reichen. Wir stellten uns an das bosporusnahe Ende der Wohnwagenschlange. Schliesslich war dieses Ende weiter weg von der Strasse und sollte somit ruhiger sein. Dachten wir.
Der Fahrer eines Minibusses, der neben uns stand und Pause machte, spendierte und eine Runde türkisches Eau de Cologne zur Erfrischung. Frisch duftend machten wir uns auf zu einer spätnachmittäglichen Besichtigungsrunde. Auf dem Programm stand die Blaue Moschee und die Hagia Sophia. Bei der Blauen Moschee begnügten wir uns am ersten Tag mit der Aussenansicht, da uns die Schlange einfach zu lang war. Unser Reiseführer teilte uns mit, dass die Blaue Moschee die Moschee in Istanbul mit dem stärksten Fussgeruch sei. Das wollten wir uns eventuell für den nächsten Tag aufsparen. Weiter ging’s zur Hagia Sophia, die wir auch von innen bestaunten. Gross und beeindruckend ist sie. Von innen schöner als von aussen – was wir bei der Blauen Moschee noch bezweifelten. Auch in der Hagia Sophia gab es natürlich viele Touristen. Bei der „Weinenden Säule“, die aus angeblich unerklärlichen Gründen Wasser ausschwitzt und heilende Wirkung haben soll, bohrten die Touris einer nach dem anderen mit ihrem Daumen in einem mittlerweile schon tief geformten Loch herum – zur Heilung oder so. Wir hoffen, es hilft. …ihren Daumen…oder so.
Aus dem Nachmittag wurde Abend und unsere Mägen knurrten. Wir entschieden uns für ein Restaurant – etwas Abseits vom Haupttrubel – mit einer kleinen Dachterrasse, von der aus wir einen wahnsinnig tollen Blick über die Dächer Istanbuls auf den Bosporus und die Abendsonne hatten. Das Essen war gut. Leider gab es keine Baklava mehr und somit „nur“ Reispudding zum Dessert. Nach dem Essen rollten wir die letzten Meter (diesmal ohne Büssli) den Berg hinab zum Stellplatz.
Im Laufe des Abends füllte sich der Kai vor unserem Stellplatz. Ein Auto neben dem anderen hielt in erster Reihe am Wasser. Knutschende Paare; viele Männer, die sich über den Platz verteilten, Tee tranken, irgendwelche „Geschäfte“ miteinander machten; ein Maiskolbenverkäufer; eine Rosenverkäuferin; Kinder. Neben uns stand ein Multivan, zu dem eine türkische Familie mit einer ganzen Kinderschar zwischen 2 Monaten und 14 Jahren gehörte. Marianne, eine Deutsche, die zusammen mit ihrem Mann auf dem Weg in den Iran war, kam zu uns herüber. Marianne liess sich von einem der älteren Mädels der türkischen Grossfamilie ein paar Tanzschritte beibringen. Iris und die 14-jährige Schwester des türkischen Mädchens machten mit. Die Mädels sorgten dafür, dass die deutschen „Mädels“ sich herzlich lächerlich machten und ihre ganze Familie was zu lachen hatte :). Aber auch wir hatten unseren Spass.
Die Nacht war kurz und nicht besonders ruhig. Wir wurden von der Sonne geweckt, die unser Büssli schon früh am Morgen in einen Backofen verwandelte. Unser neuseeländischer Nachbar, der mit seiner holländischen Freundin in einem ganz ähnlichen Büssli wie unsere Blaue Rakete unterwegs war, spendierte uns einen türkischen Sesamkringel zum Frühstück. Um 9 Uhr waren wir mit Altug verabredet, einem türkischen VW-Bus-Fan, der lange Zeit in Österreich gewohnt hat, und der uns bei der Suche nach einem Ersatz-S-Schlauch helfen wollte. Er kam standesgemäss mit seinem „Österreichische Bergwacht“ T3-Büssli angebraust. Wir plauderten eine Weile und verabredeten uns für den Abend zusammen mit dem neuseeländisch-holländisch Pärchen auf dem Meydan.
Danach war es Zeit für die zweite Besichtigungsrunde. Wir starteten bei den alten Zisternen. „1001 Zisterne“ hiess der Ort. Wie wir dort feststellten, war es nur die zweitgrösste Zisterne Istanbuls (und ehrlich gesagt auch nicht sonderlich spannend – viele, hohe Säulen in einem feuchten, modrigen Raum). Also gingen wir direkt im Anschluss zum grössten ehemaligen Wasserspeicher Istanbuls: der Yerebatan-Zisterne aus dem 6. Jahrhundert. Die Zisterne mit 8 Meter hohen Säulen, 336 an der Zahl, fasste 80.000 Kubikmeter. Heute ist die Zisterne hübsch für die Besucher zurechtgemacht: Auf Stegen läuft man im Halbdunkel zwischen den mystisch beleuchteten Säulen entlang, während im Hintergrund eine leise Musik die Atmosphäre noch eindrücklicher macht. In das etwa einen halben Meter tiefe Wasser unter einem, wurden für die Optik einige dicke Fische gesetzt.
Zurück im Tageslicht spazierten wir Richtung Norden zum Basar. Einmal quer hindurch und zurück. Der Basar zieht sich über einen riesigen Bereich und wahrscheinlich findet man alles – wenn man nur weiss, wo. Die Chance etwas zu finden, ist jedoch um einiges höher als auf einem Basar in Zentralasien, da alles etwas mehr nach Themen geordnet scheint. Wir kauften ein paar Kleinigkeiten und wanderten anschliessend zurück zum Ausgangspunkt. Danach waren unsere Füsse platt, unsere Sinne überreizt und die Nachmittagssonne brannte.
Nach einer Verschnaufpause machten wir uns auf zum Meydan, um Altug und die anderen zu treffen. Altug hatte es tatsächlich geschafft, uns in den wenigen Stunden einen S-Schlauch zu organisieren! Kein Original, aber immerhin ein guter Ersatz. Vielen, vielen Dank! Altug führte uns zu einem türkischen Restaurant, wo wir super leckeres türkisches Essen bekamen. Anschliessend gab es noch eine kleine Stadtführung durch das Istanbuler Ausgangsviertel und ein Betthupfel-Bierchen, bevor wir zurück zum Stellplatz fuhren und in die Federn sanken.
Auch die zweite Nacht war sehr unruhig, der Morgen heiss, Privatsphäre minimal und so beschlossen wir trotz der noch auf uns wartenden Sehenswürdigkeiten aus Istanbul hinauszufahren und uns ein ruhiges Plätzchen am Meer zu suchen.

Im Osten der Türkei

Nach unserem kurzen Georgien-Abenteuer haben wir uns auf die Türkei gefreut. Mit Vollgas fuhren wir auf der türkischen Autobahn am Schwarzen Meer entlang Richtung Westen. Die Besiedlungsdichte hat sich in der Türkei nochmals erhöht und wenn die Landschaft nicht mit Strassen oder Häusern verbaut war, wurde sie für den Anbau von allerlei Getreide und Gemüse genutzt. Teilweise sind die Felder sogar von Zäunen umgegeben und werden vom Bauer persönlich bewacht. So ist es natürlich schwierig einen guten Stellplatz für die Übernachtung zu finden. Also machten wir uns auf die Suche nach einer Art Campingplatz. Die uns bekannten Campingführer im Internet hatten leider keine Informationen über Campingplätze so weit im Osten der Türkei. Obwohl es eigentlich schon ein paar gibt, wie wir später festgestellt haben; die meisten entsprechen einfach nicht den Vorstellungen der europäischen Camper. Aber wir waren ja schon einiges gewöhnt und hatten auch keine grossen Erwartungen. Bei Trabzon bogen wir links ab und fuhren hinauf in die Berge. Unser Ziel war das Sumela Kloster. Ein Kloster, das 385 n. C. gegründet wurde und sowohl von den orthodoxen als auch von den islamischen Gläubigen sehr rege besucht wird. Auf dem Weg zum Kloster fanden wir eine Übernachtungsmöglichkeit auf einem Mini-Campingplatz bei einem Fischrestaurant. Sogar Dusche mit Warmwasser gab es! Der erste Campingplatz seit langer Zeit. Und dazu noch ein ganz nettes Plätzchen. Am Abend wurde uns dann bewusst, dass wir jetzt wohl im Orient angekommen sind. Kaum war es dunkel, erklang aus den Lautsprechern des nahegelegenen Minaretts der Ruf des Muezzins, der durch das enge Tal schallte. Durch das Echo im Tal hatte das Ganze etwas eher Surreales. Das Klicken und Piepsen des Mikrofons am Ende der „Durchsage“ holte uns dann aber wieder in die Realität zurück.

Am folgenden Tag machten wir uns auf zum Kloster. Durch ein wunderschönes Tal gelangten wir zum Parkplatz unterhalb des Klosters. Das  Kloster selbst ist nochmal 250 Meter höher in eine Felswand gebaut und trohnt wie ein Adlerhorst über dem Tal. Zu Fuss nahmen wir den steilen Weg hinauf zum Kloster in Angriff. Schweissnass kamen wir eine halbe Stunde später beim Eingang des Klosters an. Der Eintrittspreis war recht happig und da wir aus unserem Reiseführer wussten, dass das Innere des Klosters nicht gut erhalten (das Kloster brannte bei einem Gefecht zwischen Russen und Türken aus, wobei die meisten Einrichtungsgegenstände vernichtet wurden) und somit nicht sehr spannend sein sollte, sparten wir uns den Besuch. Wir begnügten uns mit der Aussicht auf das grüne Tal und die eindrücklichen, äusseren Klostermauern (wenn man denn mal einen Platz gefunden hat, von dem aus die Sicht nicht von Bäumen versperrt war).

Wieder zurück in Trabzon machten wir uns auf die Suche nach einem Lenovo-Vertreter. Unser Laptop liess sich seit Tbilisi nicht mehr laden und ohne ihn konnten wir weder Fotos hochladen noch Berichte schreiben. Mit einer Adresse aus dem Internet und etwas Suchen in den engen Gassen von Trabzon fanden wir dann den kleinen Lenovo Store. Da keiner der beiden Herren im Laden Deutsch oder Englisch konnte, war es schwierig, unser Problem zu erklären.  Mit Händen und Füssen und schlussendlich auch mit Hilfe von Google konnten wir uns dann doch irgendwie verständigen. Sie fragten uns, ob wir denn ein anderes Ladegerät probiert hätten. Klar hatten wir das – noch in Tbilisi im Hostel. Trotzdem bestanden sie darauf, es noch mit einem von ihren Ladegeräten zu versuchen. Und siehe da, es klappte tatsächlich. Problem gelöst!

Nach einem Einkauf im MMM Migros Supermarkt (unsere Cumulus-Karte hat leider nicht funktioniert) fuhren wir weiter entlang des Schwarzen Meeres Richtung Samsun. Wir kamen ganz flott voran und hofften vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Campingplatz in Ünye anzukommen. Aber da hatten wir die Rechnung ohne unser Büssli gemacht: Etwa 40 km vor dem Campingplatz blinkte es im Armaturenbrett – Kühlwasseralarm! Sofort fuhren wir rechts ran. Die Wasserspur hinter dem Büssli bedeutete nichts Gutes. Also, Kofferraum auf und Fehlersuche. Unter dem Luftfilter wurden wir fündig: Der S-Schlauch, der schon drei Mal mit Gebastel geflickt wurde, war gerissen. Immerhin hatte das letzte Modell, das in Ulaanbaatar designt wurde, einige tausend Kilometer gehalten. Aber was nu? Wieder das Vorgängermodell einbauen und hoffen, dass es noch ein wenig hält oder uns in eine Werkstatt abschleppen lassen und hoffen, dass sie Modell Nummer 4 bauen kann? Da wir ja jetzt wieder innerhalb des TCS-Abdeckungsbereichs waren, entschieden wir uns für die Werkstatt und liessen uns von einem über den TCS organisierten Abschleppwagen abholen. Der Herr vom Abschleppdienst hatte viel Freude an uns und machte auch gleich noch ein paar Fotos von dem Schmuckstück auf seiner Ladefläche. Als Glückbringer schenkte er uns so eine typisch türkische Perlenkette, die wir um den Steuerknüppel unseres Büsslis legen sollten. In der Werkstatt warteten bereits drei junge Türken mit viel Tatendrang. Kaum war das Büssli in die Werkstatt geschoben, wollte der eine schon den Motor starten, um das Problem zu finden. Leider konnten die Jungs kein Wort Englisch oder Deutsch. Also demontierte Christian den Luftfilter selbst und zeigte ihnen, wo das Problem lag. Einer der Jungs schraubte den defekten Schlauch ab und mit einem „No Problem“ verschwand er damit. Bald darauf kam er mit einem halbwegs passenden Schlauch in den Händen zurück. Nach der Montage versuchte Christian den Jungs zu erklären, wie man einen Wasserboxer entlüftet. Nach einer Weile und mit viel Geplansche war auch das erledigt, so dass wir wieder aus eigener Kraft aus der Garage fahren konnten. Gekostet hat das Ganze nicht mal 15 CHF und das Abschleppen wird ja vom TCS übernommen. Unterdessen war es dunkel geworden und wir fuhren zum Campingplatz am Strand von Ünye.

Am nächsten Tag ging es weiter in das Landesinnere, unser Ziel war Hattuša, eine Ruinenstadt mit einer sehr langen Geschichte. Bereits 6000 Jahre vor Christus begannen sich hier die ersten Menschen niederzulassen und bauten den Ort nach und nach zu einer riesigen Stadt aus, deren Blütezeit 1700 vor Christus durch ein riesiges Feuer beendet wurde. Da wir erst spät in Boğazkale, dem kleinen Örtchen neben der Ruinenstadt, ankamen, verschoben wir den Besuch der Ruinenstadt auf den nächsten Tag und fuhren direkt auf den Campingplatz. Dort wurden wir auch gleich vom Dorfoberhaupt zu einer Hochzeit eingeladen. Das Brautpaar war gerade eingetroffen und die Band spielte zum Tanz. Wir dachten schon, das wir eine laute Nacht vor uns haben, aber nach 2 Stunden zog die Hochzeitsgesellschaft weiter und es wurde ruhig auf dem Campingplatz.

Die Ruinenstadt selbst war sehr beeindruckend. Vor allem die Dimensionen: Eine Umrundung der Stadtmauer dauert zu Fuss mehr als 5 Stunden! Zum Glück gibt es eine gut ausgebaute Strasse, die durch die ganze Anlage führt und befahren werden darf. Leider ist nicht mehr allzu viel von der damaligen Stadt erhalten. Nur die aus Stein gemauerten Grundfundamente der zahlreichen Tempel sowie ein Teil des imposanten Befestigungswalls sind noch vorhanden.

Nach der Besichtigung fuhren wir weiter Richtung Ankara, wo wir einen längst fälligen Ölwechsel durchführen wollten. Nach einer Nacht auf dem Parkplatz eines Hotels in der Nähe des Flughafens von Ankara fuhren wir in die Stadt zu einer Volkswagen-Niederlassung. Anfänglich verstand uns so ziemlich keiner. Niemand konnte Englisch oder Deutsch. Nachdem sie anfingen, uns Prospekte von neuen Autos vorzulegen, erklärten wir dann mit Hilfe von Google, dass wir nicht das ganze Auto, sondern lediglich das Öl tauschen wollten :-).
Irgendwann stellten wir fest, dass einer der Angestellten perfekt Französisch sprach und das Ganze wurde ein wenig einfacher. Zuerst erhielten wir eine Absage, sie hätten die Werkstatt voll und frühestens am nächsten Tag Zeit. So lange wollten wir nicht warten und wären schon fast aufgestanden, um zu gehen, als dann doch ganz plötzlich ein Hebebühnchen in der Werkstatt frei wurde. Sie nutzten einfach die Mittagspause, um bei unserem Büssli kurz das Öl zu wechseln. Nach dann doch gut zwei Stunden – inklusive Wartezeit – waren wir wieder auf der Autobahn und die Blaue Rakete zeigte seine Freude über das frische Öl mit einem seidenweichen Schnurren des Motors. Mit voller Fahrt fuhren wir Richtung Istanbul. Und dann plötzlich… haben wir ihn gesehen – einen wilden Bären!!! Nicht in den unbewohnten Weiten Russlands, nein, …in der Türkei, wo wir überhaupt keine Bären erwartet haben. Und dann auch noch auf einem Hang direkt neben der Autobahn nicht weit hinter Ankara! Ein braunes Bärchen. Leider waren wir zu schnell unterwegs, um ein Foto zu machen. Aber gesehen ist gesehen 🙂

 

Die erste Palme

In weniger als vier Tagen sind wir von Tolyatti entlang der Wolga bis an den Fuss des Kaukasus gefahren. Wir waren ein wenig eingeschüchtert von den Reisewarnungen, die über den russischen Teil des Kaukasus auf den Internetseiten der auswärtigen Ämter zu finden waren. Doch aufgrund der vielen positiven Berichte von anderen Reisenden haben wir uns dann doch für eine zügige Fahrt durch den Kaukasus nach Georgien entschieden. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigte. Von Vladikavkas aus ging es über die alte Heerstrasse bergauf Richtung georgische Grenze. Schnell hatten wir die Grenze erreicht und erlebten die bis jetzt zügigste Ausreise aus Russland. Die Einreise nach Georgien verlief auch sehr unkompliziert und die Grenzbeamten waren äusserst freundlich. Sie drückten sogar beide Augen zu und liessen uns das Benzin in unseren Reservekanistern einführen, obwohl es eigentlich nicht erlaubt war.

Durch enge, spektakuläre Schluchten, dunkle Tunnels und Galerien, durch malerische Dörfer und über grüne Hügel fuhren wir zum Kreuz-Pass und weiter durch ebenso enge Täler Richtung Tbilisi. Alte Kirchen und Burgen am Strassenrand erzählen von der strategischen Bedeutung dieser Region in der Vergangenheit.

Nach den heissen Tagen entlang der Wolga genossen wir das kühlere Gebirgsklima und freuten uns auf einen mückenfreien Abend, an dem wir mit weit geöffneten Türen unser Büssli auskühlen lassen könnten. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz trafen wir auf zwei amerikanische Radfahrer, die ihr Zelt an einem sehr hübschen Ort am Bach aufgestellt hatten. Leider war die Zufahrt für unser Büssli nicht geeignet und wir mussten uns talabwärts ein anderes Plätzchen am Bach suchen. Die Radfahrer haben wir am nächsten Tag im Hostel in Tbilisi wieder getroffen.

In Tbilisi verbrachten wir zwei Nächte im Hostel „Why not“, um unseren unterwegs angewachsenen Wäschehaufen abzubauen und uns die Stadt anzusehen. Tbilisi ist eine sehr spannende Stadt, in der es viel zu entdecken gibt (vor allem im Vergleich zu den eher eintönigen russischen Städten). Das südliche Flair – inklusive Palmen! – ist hier deutlich spürbar. Wir fuhren mit der Seilbahn zur Festung Nerikala und genossen die wunderschöne Aussicht auf die Altstadt von Tbilisi. Am zweiten Abend nahmen wir ein Taxi für eine Fahrt auf den Mtazminda Berg. Der Taxifahrer entpuppte sich leider als leidenschaftlicher Rennfahrer, bei dessen wahnsinnigen Überholmanövern und quietschenden Kurvenfahrten uns fast schlecht wurde (vor allem, weil die Sicherheitsgurte nicht funktionierten). Auf unsere ziemlich harschen Worte hin zügelte er dann zumindest die letzten paar Meter der Fahrt seine Pferdchen und fuhr uns gesittet an unser Ziel: Der Vergnügungs- und Erholungspark Mtazminda. In dem grossen Park mit Achterbahn, Riesenrad, Geisterbahn und viel Grün gab es fast mehr Sicherheitskräfte als Besucher. Insgesamt wirkte der Park recht ausgestorben, so dass viele Karussells stillstanden und gelangweilt vor sich hin blinkten. Das Ganze wirkte eher surreal. Es gab jedoch noch ein sehr hübsches Restaurant, auf dessen Terrasse wir mit einem unglaublich schönen Ausblick über die in der Dämmerung liegende Altstadt von Tbilisi gegessen haben. Gleich neben dem Restaurant konnten wir in die Standseilbahn einsteigen, die uns wieder zurück in die Stadt brachte.

In Tbilisi war es extrem heiss und wir wollten weiter ans Meer. Wir fuhren entlang der Hauptverkehrsachse Richtung Westen nach Poti. Unterwegs schauten wir uns noch eins der unzähligen Kloster und eine alte Höhlensiedlung an. Am Schwarzen Meer angekommen, erwarteten uns leider keine Traumstrände, sondern Müllberge. Ähnliches kannten wir schon von einer früheren Reise an die rumänischen Stränden an der Westküste des Schwarzen Meers . Wir hielten uns also nicht lange auf und fuhren weiter nach Süden in Richtung türkische Grenze. Hier zeigte Georgien seine wilde Naturschönheit mit urwaldähnlichen Gebieten, Eukalyptusbäumen und Bambus.

Eigentlich hat uns Georgien sehr gut gefallen. Der erste Eindruck im Kaukasus war atemberaubend schön und Tbilisi ein bunter, fröhlicher Kontrast zu den vorigen Städten auf unserer Reise. Es gab jedoch ein paar Dinge, die unserer Georgien-Erfahrung einen schlechten Beigeschmack gegeben haben: Uns wurden uns in Tbilisi die Sandbleche vom Dach weg geklaut – und das nicht gerade sanft – und an einer Tankstelle haben sie uns einen falschen und um einiges höheren Betrag untergejubelt (die Anzeige der getankten Liter war zuuufällig schon gelöscht und es stand nur noch ein utopischer zu zahlender Betrag angeschrieben). So etwas in der Art ist uns In keinem der anderen Länder passiert.