Kasachische Steppe

Nach einem unkomplizierten Grenzübertritt von Russland nach Kasachstan veränderten sich Strassen und Landschaft sehr schnell. Die Strasse nach dem Grenzübergang war eigentlich eher ein dichter Schlaglochteppich und um die wenigen Flecken intakten Teers musste man sich sogar mit dem Gegenverkehr streiten. Wenn die andere Strassenseite weniger Löcher hat, kann es schon mal sein, dass einem die Autos direkt entgegenkommen. Im Reiseführer steht: „Auf Kasachstans Strassen gilt das Recht des Stärkeren…“ Wir haben uns dem gefügt und sind immer schön brav ausgewichen.

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Im ersten Ort nach dem Grenzübergang haben wir als erstes einen Bankomaten gesucht. Scheinbar wird in Kasachstan am 6. des Monats der Lohn ausbezahlt, anders konnten wir uns die langen Schlangen vor den Automaten nicht erklären. Beim Anstehen musste man sich ganz dicht an den Vordermann drängen, sonst wäre man von den Einheimischen „überholt“ worden. Lustig war auch, dass sich teilweise bis zu fünf Personen um den Bankomat geschart hatten und sich dann gegenseitig beim Geldabheben zuschauten und eventuell noch hilfreiche Tipps gaben. Es wirkte so, als wäre der Bankomat die neueste Errungenschaft des Dorfes und alle wollten schauen, wie es funktioniert. Als wir dann endlich an der Reihe waren, haben wir den Grund der Aufregung gesehen: Nach der PIN-Eingabe blieb der Bildschirm schwarz und nach ein paar Sekunden kam die Meldung „Timeout“ – Transaktion abgebrochen. Neuer Versuch mit anderer Karte, gleiche Meldung. Nach dem vierten Versuch hat uns dann der Wachmann der Bank darauf hingewiesen, dass man beim schwarzen Bildschirm die zweitoberste Taste drücken muss… Aaach so, ja klar! Mit dieser Info hat dann doch noch alles geklappt :).

Die Felder und Überschwemmungsgebiete, die in Russland das Landschaftsbild hauptsächlich bestimmt hatten, verschwanden und die karge Steppe breitete sich vor uns aus. Die Ortschaften wurden immer kleiner und der Abstand zwischen ihnen immer grösser. Das würde unsere erste Nacht in der Wildnis werden. Es wäre schade gewesen, die Nacht nicht in dieser beeindruckenden Landschaft zu verbringen. Hier gab es genug Platz, um ein wenig abseits von der Strasse sein Lager aufzubauen. Anfangs waren wir noch ein wenig misstrauisch, wie weit der Untergrund es zulassen würde, von der Strasse wegzufahren. Aber nachdem wir immer wieder Autospuren gesehen haben, die im rechten Winkel von der Strasse abbogen und sich im Nichts verloren, haben wir uns getraut und sind einfach einer solchen Spur gefolgt. Am Horizont haben wir ein paar Büsche erspäht, hinter welche wir uns stellen wollten. Vorsorglich hatten wir schon zu Beginn gleich die Differential-Sperre angeschaltet. Nach und nach wurden wir mutiger, verliessen die Spur, suchten unseren eigenen Weg. Bis… wir die Grenzen unseres Büsslis kennenlernten: Die Fahrt durch eine Sandmulde war dann doch zu viel! Beide Räder drehten durch und das Büssli sank immer tiefer in den Sand. Kein Wunder: Nach den Muschelteilen im Sand zu urteilen, reichte das Kaspische Meer mal bis hierher. Wir waren also quasi am Strand. Nach einer kurzen Lagebeurteilung haben wir die Sandbleche vom Dach geholt und etwas Luft aus den Hinterreifen abgelassen. Nach mehreren Anläufen funktionierte es endlich und das Büssli rollte rückwärts über die Sandbleche aus dem Sandloch… in den dahinter liegenden Sandhügel hinein. Schön! Also, die gleiche Aktion nochmals. Und dann waren wir endlich frei. Vorsichtshalber fuhren wir dann noch ein paar Meter weiter zurück auf dem festeren Boden und stellten dort unser Nachtcamp auf. Sogar unsere Dusche konnten wir das erste Mal in Betrieb nehmen; zumindest, um unsere Hände zu waschen. Nach feinen Älplermakkaroni und einem wunderschönen Sonnenuntergang hatten wir eine erholsame Nacht mitten in der bis zum Horizont reichenden Steppe West-Kasachstans.

 

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