Shymkent und der (zweite) Raketenstart

Shymkent präsentierte sich uns als eine quirrlige Stadt, die nie schläft. Zwischen Ortsein- und Ortsausgang drängte sich der Verkehr, mehrspurig und chaotisch. Eine wahre Grossstadt im Süden von Kasachstan, wo der Grossteil der Bevölkerung aus Kasachen besteht. Shymkent ist zudem eine sehr grüne Stadt mit Parks und Alleen, was uns bei 35°C sehr gefreut hat. Hier und da in der Stadt verteilt, gibt es kleine Vergnügungsparks mit Karussells, Rollschuhbahn, Schiessbuden, Autoscooter, 7D(!)-Theater, Zuckerwatteständen und vieles mehr. Im grossen Einkaufszentrum der Stadt kann man im Untergeschoss Schlittschuhlaufen und die Ticketkontrolleure im Bus stehen bei jeder Station wie Marktschreier an der Bustür und rufen die Fahrroute der Buslinie aus (das war zumindest unsere Interpretation). An einem Kiosk haben wir zum ersten Mal Kwas probiert: Es sieht aus wie Tee mit Kohlensäure; schmeckt irgendwie gegoren, wässrig, mit einer Erdnussnote; und ist ein Brotbier.

Auch zum ersten Mal haben wir Lagman probiert. Das sind (im besten Fall hausgemachte) Nudeln in einer öligen, tomatigen, recht stark gewürzten Sauce mit etwas Gemüse und Fleischstückchen. Unser Reiseführer hatte uns das Restaurant Karavan, das in einem der Parks liegt, dafür empfohlen und es war echt lecker.

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Von Shymkent aus sind wir nach Süden in Richtung Tashkent gefahren bis zu einem Tal, in dem laut Reiseführer ganze Felder von Rosen blühen, die hier gezüchtet werden. Wir haben nur Tomatenfelder in Treibhäusern gefunden. Und ein ganz idyllische Dorf namens Turbat. Da unser nächstes Ziel, das Naturreservat Aksu-Zhabagly, nördlich von uns lag, sind wir wieder zurück in Richtung Shymkent. Auf dem Weg haben wir noch das passende Öl für den anstehenden Ölwechsel an einer Helios-Tankstelle gekauft. Ein Stückchen hinter Shymkent, wo die Strasse mal wieder zur Hälfte aus Baustellen und Umfahrungen bestand, haben wir uns für die Nacht auf einem Hügel mit Blick auf die umliegenden Gebirge platziert.

Der nächste Tag war vor allem der Suche nach einem geeigneten Platz zum Beobachten des Sojus-Raketenstarts in Baikonur gewidmet. Kurz vor 2 Uhr nachts am 29. Mai sollte die Rakete zur ISS starten – und das durften die Terranauten der Blauen Rakete ja nicht verpassen! Wir haben einen ganz hübschen Ort auf einem Hügel inmitten von Gräsern und Blumen bewachsenen Feldern gefunden. Am Horizont nur Hügel und Berge. Den Nachmittag haben wir mit Lesen, Faulenzen und Insektenbeobachten verbracht.

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Nach einem Abend mit Hörnlisalat und Vorschlafen war es soweit und wir haben unsere Kameras mit Langzeitbelichtung in Position gebracht. Zwei Füchse liefen vor uns bellend durchs Feld. Wir warteten auf etwas, von dem wir keine Ahnung hatten, wie es wohl aussehen würde. Hier, im Dunkeln, etwa 600 km von Baikonur entfernt… Millionen Sterne funkelten über uns, am Horizont war es leider ein wenig bewölkt. Kurz vor 2 Uhr. Nichts passierte. Einige Minuten später wurde eine der Wolken etwas heller. Es sah fast aus wie ein Nordlicht. Der Lichtfleck wurde grösser, … mehr aber auch nicht. Eine weisse Wolke am Nachthimmel. Und dann ist sie wieder verschwunden. War’s das?? Hmm… Was auch immer wir da gesehen haben, die Vorstellung, wie dort ein paar Leute in dem riesigen All, oberhalb der weissen Wolke, alleine umherwabern ist so oder so beeindruckend.

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Die Seidenstrasse von Turkistan nach Shymkent

Turkistan. Eine Stadt, die an sich anderen südkasachischen Städten ähnelt. Was sie aber von den anderen unterscheidet, ist das Hodscha Ahmad Yasawi Mausoleum. Es ist gigantisch!! Wahnsinn, was man Ende des 14. Jahrhunderts schon bauen konnte! Das Mausoleum wurde zum Gedenken an Hodscha Ahmad Yasawi gebaut. Yasawi lebte und wirkte in Turkistan. Er hat im 12. Jahrhundert den Koran für das „einfache Volk“ in Zentralasien verständlich übersetzt und gelehrt und somit den Islam verbreitet. Einen grossen Teil seines Lebens verbrachte er in einer halb unterirdischen Moschee neben dem heutigen Mausoleum. Heute ist das Mausoleum eine wichtige Pilgerstätte für Muslims – drei Pilgerreisen zum Mausoleum sind angeblich genauso viel wert wie eine Reise nach Mekka. Aus dem 14. Jahrhundert gibt es auf dem Gelände auch noch ein Badehaus bzw. Hamam für die damaligen Pilger. Mit Bodenheizung und Dampfbad!
Das Mausoleum und auch alle anderen Gebäude auf dem Gelände kann man sich von englischsprachigen, sehr kompetenten weiblichen Guides zeigen und erklären lassen. Nur zu empfehlen, wenn man sich für die Details interessiert!

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Auf unserer Weiterreise nach Shymkent haben wir noch einen kleinen Schlenker südlich der Hauptroute gemacht, um das Arystan Bab Mausoleum anzuschauen. Arystan Baba war der Lehrer von Yasawi. Wenn man allerdings vorher das Yassawi Mausoleum gesehen hat, wirkt das Arystan Bab Mausoleum recht unscheinbar. Man sollte die Besichtigungsreihenfolge wohl tauschen.

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Wir haben uns also nicht lange in der sengenden Nachmittagshitze aufgehalten (ein weitere mögliche Sehenswürdigkeit, die Ruinen von Otrar, war zu dieser Zeit für Besichtigungen geschlossen) und sind, nach einer Übernachtung am Feldrand, weiter nach Shymkent gefahren.