Von Tasch Rabat nach Kochkor

Der nächste Morgen hielt eine kalte Überraschung für uns bereit. Über Nacht wurde aus dem feinen Nieselregen vom Vorabend Schnee. Die Hänge waren weiss und auch unser Büssli hatte ein weisses Häubchen. Die Aussentemperatur lag knapp über Null und im Büssli war es nicht viel wärmer. Also ein schnelles Frühstück, dann Motor und Heizung an und wieder gut 1000 m hinunter und gut 10°C rauf in Richtung Naryn. Kurz vor Naryn mussten wir wie auch schon auf dem Weg nach Tasch Rabat wieder über mehrere matschige Strassenabschnitte. Diesmal glücklicherweise bergab. Trotzdem kamen wir nicht weit: Ein LKW, der bergauf gefahren ist, war wohl kurz vorher auf dem roten glitschigen Matsch ins Schlingern gekommen und stand nur quer auf der Strasse. Seine Vorderräder hatten sich im Matschhügel am Rand der Strasse eingegraben.

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Wir stiegen aus, um zu schauen, was zu tun ist. Jeder Schritt auf dem roten Matsch hat uns fast die Schuhe ausgezogen. Nach ein paar Schritten klebte eine dicke Schicht unter unseren Schuhen. Ja, kein Wunder, dass sie daraus Häuser bauen! Hinterm Büssli kamen nach und nach mehr Autos an und drängelten sich vorbei, da sie dachten sie würden schon irgendwie am LKW vorbeikommen. Und dann startete ein Audi einen Versuch an dem hinteren LKW-Ende vorbei durch die Matschböschung zu fahren. Er blieb stecken und musste mit Hilfe anderer Leute zurückgeschoben werden. Danach versuchte es ein Jeep. Mit mehreren Anläufen, Seitwärtsrutschen, Anschieben und Motorgeheul schaffte er es, den Matschhügel zu erklimmen und auf der anderen Seite vom LKW wieder auf die Strasse zu fahren. Das Eis war gebrochen und ein bergabwärts fahrendes Auto nach dem anderen mühte sich mit Hilfe der Anweisungen und Hilfe der umstehenden Leute durch den klebrigen Matsch. Anschliessend trauten sich auch ein paar bergaufwärts fahrende Fahrzeuge. Nicht alle schafften es; bei einem Minibus zersprang eine Seitenscheibe als er gegen den LKW rutschte. Wir haben eine ganze Weile abgewartet, aber irgendwann mussten auch wir wohl oder übel da durch. Also wagte Christian das Abenteuer „Matschdurchquerung“: Mit Diff-Sperre, viel Büsslifahrer-Erfahrung und vereintem Anschieben hat es unsere Rakete ohne Schaden geschafft! Puuh! In Naryn haben wir dem Büssli eine dringend nötige Wäsche verpassen lassen. …Nur um kurz darauf auf der Strasse nach Kochkor wieder durch Schlammpfützen zu fahren… In Kochkor angekommen (ca. 100 km nördlich von Naryn), sah das Büssli wieder genauso verschlammt aus wie vorher. Naja, was soll’s… Gibt’s halt bald wieder eine Wäsche. In Kochkor haben wir Souvenirs und Lebensmittel eingekauft und anschliessend für die Nacht ein Plätzchen am Orto-Tokoy Wasserreservoir gefunden.

Vom Song-Köl nach Tasch Rabat

Nach einer regnerischen Nacht auf 3000 m haben wir uns von Jacob, der ins Tal zurück wandern wollte, verabschiedet und sind in Richtung Naryn losgefahren. Entlang dem Song-Köl fuhren wir ostwärts, wo gemäss Karte ein Weg ins Tal führen sollte. Doch unsere Fahrt wurde nach rund einer Stunde durch eine steil ansteigende schlammige Passage gestoppt. Auch mit Diff-Sperre war die Steigung nicht zu schaffen. Das Büssli konnte auf rund 3200 m nicht mehr genügend Kraft entwickeln und so mussten wir in einem waghalsigen Manöver wenden und die gleiche Strecke zurück fahren. Zwei Routen belieben nun noch offen: 1) der gleiche Weg, den wir zum Song-Köl gekommen sind oder 2) über den Moldo Ashuu, einen weiteren Pass auf 3346 m. Von einer Rückfahrt auf der gleichen Strecke wie auf dem Hinweg waren wir nicht begeistert, da wir nicht nochmal durch den Fluss und seine sumpfigen Ufer fahren wollten – erst recht nicht, nachdem es die Nacht zuvor so viel geregnet hatte. Beim Weg über den Moldo Ashuu waren wir nicht sicher, ob die Passage nach Naryn schon geöffnet ist (laut Reiseführer sollte die Strecke Naryn – Jalal-Abad erst Ende Juni öffnen). Ein Schäfer versicherte und aber, dass der Weg offen sei. Somit haben wir uns für den Moldo Ashuu entschieden. Die Fahrt über die in eine steile Bergwand gebaute Passstrasse (Serpentinen) war abenteuerlich und zeitraubend, aber mit einer spektakulären Aussicht. Nach rund drei Stunden sind wir mit der nun „Braunen Rakete“ in Naryn eingetroffen.

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Von Naryn aus fuhren wir weiter nach Südwesten Richtung chinesische Grenze. Unser Ziel: „Tasch Rabat“ – der südlichste Punkt unserer Reise. Gemäss unserer Informationen sollte die Strasse in einem sehr guten Zustand sein. Doch kurz nach Naryn wurde aus der Strasse ein einziger Schlammpfad. Bergauf spulten die Lastwagen und Autos lehmige Rampen hoch und bergab rutschten sie in den Schlammspuren. Was auf einer solchen Piste alles passieren kann, sollten wir am nächsten Tag noch erfahren…
Kurz hinter der Schlammpassage kam dann jedoch die versprochene perfekte Teer-Strasse und wir konnten endlich wieder mal den 4 und 5 Gang unserer Blauen Rakete nutzen. Die Kulisse war phänomenal. Die Strasse führte über ein riesiges, flaches Tal; rechts von uns rot-sandige Berge, die über die Jahre hinweg von Wind und Wetter geformt worden waren; links von uns in Gewitterwolken verborgene 4000er. Blitze entluden sich an den Bergflanken und graue Regenschauer verschleierten die Hänge.
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Über einen kleinen Pfad, der von der Hauptstrasse abbog, erreichten wir Tasch Rabat auf rund 3000 m Höhe. Für 200 Som Eintritt durften wir auf das Gelände fahren und die 500 – 1000 Jahre alte (man ist sich wohl nicht so einig…) Karawanserei besichtigen. Ein grosser Bau aus Stein mit einer zentralen Kuppel. Leider war nirgends beschrieben, wozu die verschiedenen Räume damals verwendet wurden. Es gab auch niemanden, den wir hätten fragen können. Und so liessen wir unserer Phantasie freien Lauf und stellten uns vor, wie hier die Händler der Karawanen auf Teppichen lagen, Beschbarmak assen und dazu Kymys tranken.
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Am Abend wurde unser Büssli einmal mehr von Pferden, Schafen und Kühen belagert und aus der Ferne pfiffen die übergrossen kirgisischen Murmeltiere.