Von Ysyk-Köl nach Kasachstan

 

Nach einer sehr ruhigen Nacht am Ysyk-Köl See war es an der Zeit uns von Kirgistan zu verabschieden. Unsere Route führte ostwärts durch das Tüp-Tal hoch Richtung kasachische Grenze. Noch ein letztes Mal durchquerten wir malerische Bergtäler wie sie schöner in der Schweiz nicht zu finden wären. Grüne Wiesen mit Kühen und Jurten, Förenwälder an den Hängen und weisse Berggipfel dahinter. Wir fühlten uns fast wie zu Hause. Nur der Kontrollposten einige Kilometer vor der Grenze war dann ganz und gar unschweizerisch. Ein jüngerer Herr in Kampfanzug jedoch ohne Waffe nahm uns in Empfang. Die Art wie er den Kampfanzug trug, liess uns stark daran zweifeln, ob wir uns hier an einem echten Kontrollposten befanden. Er verwies Christian zu „Customs“, einem Auto unweit der Schranke. Das Zollhäuschen selbst war nämlich gar kein Zollhäuschen, sondern ein kleiner Laden.  Im Auto sass ein rundlicher Herr mit bekleckerter Uniform. Christian überreichte im die Papiere, die er nach genauer Musterung für fehlerhaft hielt und mehrmals „Problem“ wiederholte. Auf dem Formular stand kein Vatersname. Da in meinem Pass auch kein Vatersname steht war das auch nicht weiter verwunderlich… Der Zöllner im Kampfanzug stellte sich neben mich und zeigte mir eine Zündholzschachtel. Als er die Schachtel aufschob stand auf dem Boden der Schachtel 20 $. Ah, jetzt war definitiv klar, worauf die beiden hinaus wollten. Christians Russischkenntnisse beschränkten sich von nun an auf „нет“; Bakschisch haben wir bis jetzt nicht bezahlt und werden wir auch in Zukunft nicht. Als nächstes Stand die Durchsuchung des Büsslis an. Eigentlich suchten sie weder nach Drogen oder anderen illegalen Gütern, sondern einfach nach etwas, das ihnen gefiel. Nach einigen Minuten begnügten sie sich mit zwei Büchsen Red Bull (die wir sogar in Kasachstan gekauft hatten – also nichts Spezielles eigentlich) und liessen uns passieren. Ob wir wirklich einen offiziellen Kontrollposten passiert haben oder nicht, haben wir nicht herausgefunden. Nach weiteren 30 Kilometern sind wir dann am richtigen Zoll angekommen.

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Die Ausreise aus Kirgistan war sehr unkompliziert. Natürlich wurde wieder unser Büssli inspiziert, aber wie immer mehr aus Neugierde an der Technik. Die Zollpapiere waren natürlich korrekt, auch ohne Vatersnamen… und zum Schluss benötigten wir noch den Ausreisestempel. Leider war der Einreisestempel in Christians Pass nur sehr schwach sichtbar, was den Zöllner ein wenig misstrauisch machte. Mit Lupe und Lampe fanden wir dann jedoch den Stempel auf der letzten Seite und der Zöllner war zufrieden und auch vermutlich auch erleichtert (Fehlende Stempel bedeuten auch für Zöllner viel Arbeit). Den Ausreisestempel testete er dann extra auf einem Stück Papier – vermutlich wollte er zeigen, dass die kirgisischen Zollstationen auch schöne Stempel machen können. Trotzdem wurde der Stempel im Pass wieder schlecht sichtbar, was der Zöllner mit einem Grinsen und „паспорт не работает“ („Pass funktioniert nicht“) kommentierte.

Dann ging es an die Einreise nach Kasachstan. Hier trafen wir bei den Zöllnern auf wahre Fussballfans. Wir erfuhren, dass Murat Yakin bald Spartak Moskau trainieren und die Schweiz gegen Argentinien verlieren würde und dass man sogar in der hintersten Ecke von Kasachstan schweizerische Mannschaften wie FCB, FCZ oder Grasshoppers (klingt sehr lustig auf Russisch) kennt. Nachdem unser Büssli auch noch von unten angeschaut wurde und wir im Besitz aller notwenigen Dokumente waren, durften wir nach Kasachstan einreisen.

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Von Bischkek zum Song-Köl

Nach einer wunderbaren Nacht in den Bergen südlich von Bischkek sind wir nochmal kurz zurück in die Stadt, wo wir unser repariertes Steuergerät abholen wollten. Smail von der Pension, in der wir die Nächte zuvor übernachtet hatten, hat alles für uns organisiert. Leider hat die Werkstatt aber doch keinen passenden Mikrochip finden können und das ganze Warten war umsonst. So sind wir dann eben ohne Ersatz-Steuergerät Richtung Töö-Ashuu Pass (südwestlich von Bischkek) losgefahren. Rund 2000 Höhenmeter lagen vor uns. Auf einer gut ausgebauten und auch sehr befahrenen Strasse haben wir nach einigen Stunden den Tunnel auf 3300 m erreicht. Die Fahrzeuge stauten sich bereits mehrspurig vor dem Tunnel, der scheinbar kurzzeitig geschlossen war, und wir stellten uns ganz anständig an das Ende einer der Schlangen. Rund eine halbe Stunde mussten wir warten. In dieser Zeit konnten wir das kreative „Aufkollonieren“ der Kirgisen beobachten. Einige Male wurden wir von den anderen wartenden Autofahrern mit dem typischen „atkuda, kuda“ (woher, wohin) angesprochen. Endlich wurde der Tunnel freigegeben und mit einigem Gedrängel haben es dann auch wir in den Tunnel geschafft: Ein dunkles Loch; die Luft geschwängert von Abgasen; Gegenverkehr, von dem man kaum die Scheinwerfer sah. Nach einigen Metern schon hat unser Gasmelder Alarm geschlagen, trotz ausgeschalteter Lüftung und geschlossenen Fenstern… Zum Glück sahen wir nach wenigen Minuten ein helles Licht am Ende des Tunnels.

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Belohnt wurden wir hinter dem Tunnel mit der Aussicht auf ein grosses weites Tal. In Haarnadelkurven schlängelte sich die Strasse hinunter auf den Talboden auf rund 2000 m. Kurz nach der Abzweigung Richtung Suusamyr haben wir am Wegrand unser Nachtlager aufgeschlagen.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter über Kyzyl-Oy und Chaek, wo wir unterwegs Jacob, einen englischen Touristen und Alpinisten, aufgabelten. Zu dritt fuhren wir die immer schmaler werdende Strasse über Kara-Keche Richtung Song-Köl. Vorbei an Kohlenbergwerken und über Schneefelder kämpfte sich unser Büssli über einen rund 3330 m hohen Pass. Auf dem Pass erhofften wir uns einen Blick auf den Song-Köl, doch vor uns lagen noch einige Kilometer über Stock und Stein. Sogar eine Umleitung mit Flussdurchfahrt mussten wir überwinden, bevor wir den Song-Köl zu sehen bekamen. Doch die Strapazen lohnten sich. Der Song-Köl ist ein riesiger See auf rund 3000 m Höhe, umgeben von wunderschönen schneebedeckten Bergen und grünen Alpwiesen. Der Uferbereich des Sees ist recht sumpfig, so dass wir nicht direkt am See stehen konnten. Wir platzierten und in Sichtweite zwischen zwei Jurten-„Siedlungen“. Leider war uns das Wetter nicht so gnädig und der Regen vertrieb uns nach dem Abendessen ins Büssli. Kein Sternenhimmel in dieser Nacht…

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Von Qamystybas nach Turkistan

Nach der vergeblichen Suche nach dem Aralsee wollten wir doch noch ein wenig Wasser sehen. Zum Glück gibt es nicht weit von Aral einen grossen Süsswassersee, den See Qamystybas. Am Ufer dieses Sees haben wir für die nächste Nacht unser Lager aufgeschlagen. Links und rechts von uns standen traditionelle Jurten. Uns war erst nicht ganz klar, ob diese Jurten bewohnt waren oder nicht. Auch hatten wir ein wenig Zweifel, ob wir hier wirklich baden sollten und vor allem in welchem Outfit – schliesslich befanden wir uns ja im südlichen und somit verstärkt muslimischen Teil Kasachstans. Bald aber kam ein Kleinbus voller Kinder angefahren und nach kurzer Zeit plantschten sie im See. Somit wagten auch wir uns in den See. Das Wasser war angenehm kühl, erfrischend und sah erstaunlich sauber aus. Zur Feierabendzeit kam dann irgendwie das ganze Dorf an den Strand. Es wurden noch mehr Jurten aufgestellt, und der Strand wurde gereinigt („Reinigen“ heisst in Kasachstan: Alles Brennbare wird direkt an Ort und Stelle abgefackelt). Einer der Jurtenbesitzer lud uns in eine Jurte ein. Wie sich dabei herausstellte, wurden die Jurten extra für Touristen aufgestellt und sollten zum Übernachten vermietet werden. Wir lehnten dankend ab, denn unser Büssli schien uns komfortabler (trotz dem im Mietpreis enthaltenen knuddeligen Wachhund). 
Nach leckerer Pasta zum Abendessen spendierte uns die Natur einen wunderschönen Sonnenuntergang überm See. Vielleicht Dank des ständigen starken Winds war kein Mückenflugwetter und wir konnten draussen vorm Büssli essen.

Die Einheimischen zogen sich langsam wieder in ihr Dorf zurück. Einer von ihnen hatte einen Platten am Auto und bat uns um Hilfe. Klar doch, wir haben ja alles dabei. Über unsere 12V-Pumpe staunte der „Platten-Besitzer“ nicht schlecht. Das Rad war schnell wieder aufgepumpt und der Kasache verabschiedete sich hupend und winkend.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter südöstlich Richtung Kyzylorda. Rund um Kyzylorda wird mit viel Wasser aus dem Fluss Syr Darya Reis angebaut. Wasser, welches übrigens dann im Aralsee fehlt… Beidseits der Strasse waren riesige grüne Flächen zu sehen, viele davon bereits geflutet. Wir befürchteten Schlimmes: Mückenüberpopulation…, Büssli-Invasion…, Aufwachen als ein riesiger Mückenstich! Da es langsam dunkel wurde, mussten wir uns aber wohl oder übel einen Schlafplatz suchen. Irgendwo zwischen Reisfeldern und Eisenbahnlinie wurden wir fündig. Erstaunlicherweise gab es keine einzige Mücke! Sie schienen hier noch nicht Saison zu haben. Dafür gab es aber ganz lästige Fliegen, die einem immer tief in die Augen oder Ohren schauen wollten.

Apropos „Blutsauger“, eine Spezies gab es doch: Die auf der Strasse mit Uniform. Auf der Fahrt von Aralsk nach Turkistan wurden wir ganze SECHS Mal von der Polizei gestoppt (fünf Mal allein zwischen dem „Bett im Reisfeld“ und Turkistan – an einem einzigen Tag!). Einmal wollten sie uns wegen fehlenden Schmutzfängern büssen und das andere Mal, weil wir als Touristen nicht die Transitstrasse genommen hätten. Klar, sie wollten Geld sehen, und zwar am liebsten Dollar oder Euro. Aber wir haben unsere Prinzipien und zahlen kein Schmiergeld! Es kann richtig Spass machen mit einem Polizist zu diskutieren und immer nur so viel zu verstehen wie man gerade will. Nach 15 Minuten geben sie immer auf, oder lassen sich im Notfall mit einer Flasche Bier oder etwas Schokolade loswerden.