Im Osten der Türkei

Nach unserem kurzen Georgien-Abenteuer haben wir uns auf die Türkei gefreut. Mit Vollgas fuhren wir auf der türkischen Autobahn am Schwarzen Meer entlang Richtung Westen. Die Besiedlungsdichte hat sich in der Türkei nochmals erhöht und wenn die Landschaft nicht mit Strassen oder Häusern verbaut war, wurde sie für den Anbau von allerlei Getreide und Gemüse genutzt. Teilweise sind die Felder sogar von Zäunen umgegeben und werden vom Bauer persönlich bewacht. So ist es natürlich schwierig einen guten Stellplatz für die Übernachtung zu finden. Also machten wir uns auf die Suche nach einer Art Campingplatz. Die uns bekannten Campingführer im Internet hatten leider keine Informationen über Campingplätze so weit im Osten der Türkei. Obwohl es eigentlich schon ein paar gibt, wie wir später festgestellt haben; die meisten entsprechen einfach nicht den Vorstellungen der europäischen Camper. Aber wir waren ja schon einiges gewöhnt und hatten auch keine grossen Erwartungen. Bei Trabzon bogen wir links ab und fuhren hinauf in die Berge. Unser Ziel war das Sumela Kloster. Ein Kloster, das 385 n. C. gegründet wurde und sowohl von den orthodoxen als auch von den islamischen Gläubigen sehr rege besucht wird. Auf dem Weg zum Kloster fanden wir eine Übernachtungsmöglichkeit auf einem Mini-Campingplatz bei einem Fischrestaurant. Sogar Dusche mit Warmwasser gab es! Der erste Campingplatz seit langer Zeit. Und dazu noch ein ganz nettes Plätzchen. Am Abend wurde uns dann bewusst, dass wir jetzt wohl im Orient angekommen sind. Kaum war es dunkel, erklang aus den Lautsprechern des nahegelegenen Minaretts der Ruf des Muezzins, der durch das enge Tal schallte. Durch das Echo im Tal hatte das Ganze etwas eher Surreales. Das Klicken und Piepsen des Mikrofons am Ende der „Durchsage“ holte uns dann aber wieder in die Realität zurück.

Am folgenden Tag machten wir uns auf zum Kloster. Durch ein wunderschönes Tal gelangten wir zum Parkplatz unterhalb des Klosters. Das  Kloster selbst ist nochmal 250 Meter höher in eine Felswand gebaut und trohnt wie ein Adlerhorst über dem Tal. Zu Fuss nahmen wir den steilen Weg hinauf zum Kloster in Angriff. Schweissnass kamen wir eine halbe Stunde später beim Eingang des Klosters an. Der Eintrittspreis war recht happig und da wir aus unserem Reiseführer wussten, dass das Innere des Klosters nicht gut erhalten (das Kloster brannte bei einem Gefecht zwischen Russen und Türken aus, wobei die meisten Einrichtungsgegenstände vernichtet wurden) und somit nicht sehr spannend sein sollte, sparten wir uns den Besuch. Wir begnügten uns mit der Aussicht auf das grüne Tal und die eindrücklichen, äusseren Klostermauern (wenn man denn mal einen Platz gefunden hat, von dem aus die Sicht nicht von Bäumen versperrt war).

Wieder zurück in Trabzon machten wir uns auf die Suche nach einem Lenovo-Vertreter. Unser Laptop liess sich seit Tbilisi nicht mehr laden und ohne ihn konnten wir weder Fotos hochladen noch Berichte schreiben. Mit einer Adresse aus dem Internet und etwas Suchen in den engen Gassen von Trabzon fanden wir dann den kleinen Lenovo Store. Da keiner der beiden Herren im Laden Deutsch oder Englisch konnte, war es schwierig, unser Problem zu erklären.  Mit Händen und Füssen und schlussendlich auch mit Hilfe von Google konnten wir uns dann doch irgendwie verständigen. Sie fragten uns, ob wir denn ein anderes Ladegerät probiert hätten. Klar hatten wir das – noch in Tbilisi im Hostel. Trotzdem bestanden sie darauf, es noch mit einem von ihren Ladegeräten zu versuchen. Und siehe da, es klappte tatsächlich. Problem gelöst!

Nach einem Einkauf im MMM Migros Supermarkt (unsere Cumulus-Karte hat leider nicht funktioniert) fuhren wir weiter entlang des Schwarzen Meeres Richtung Samsun. Wir kamen ganz flott voran und hofften vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Campingplatz in Ünye anzukommen. Aber da hatten wir die Rechnung ohne unser Büssli gemacht: Etwa 40 km vor dem Campingplatz blinkte es im Armaturenbrett – Kühlwasseralarm! Sofort fuhren wir rechts ran. Die Wasserspur hinter dem Büssli bedeutete nichts Gutes. Also, Kofferraum auf und Fehlersuche. Unter dem Luftfilter wurden wir fündig: Der S-Schlauch, der schon drei Mal mit Gebastel geflickt wurde, war gerissen. Immerhin hatte das letzte Modell, das in Ulaanbaatar designt wurde, einige tausend Kilometer gehalten. Aber was nu? Wieder das Vorgängermodell einbauen und hoffen, dass es noch ein wenig hält oder uns in eine Werkstatt abschleppen lassen und hoffen, dass sie Modell Nummer 4 bauen kann? Da wir ja jetzt wieder innerhalb des TCS-Abdeckungsbereichs waren, entschieden wir uns für die Werkstatt und liessen uns von einem über den TCS organisierten Abschleppwagen abholen. Der Herr vom Abschleppdienst hatte viel Freude an uns und machte auch gleich noch ein paar Fotos von dem Schmuckstück auf seiner Ladefläche. Als Glückbringer schenkte er uns so eine typisch türkische Perlenkette, die wir um den Steuerknüppel unseres Büsslis legen sollten. In der Werkstatt warteten bereits drei junge Türken mit viel Tatendrang. Kaum war das Büssli in die Werkstatt geschoben, wollte der eine schon den Motor starten, um das Problem zu finden. Leider konnten die Jungs kein Wort Englisch oder Deutsch. Also demontierte Christian den Luftfilter selbst und zeigte ihnen, wo das Problem lag. Einer der Jungs schraubte den defekten Schlauch ab und mit einem „No Problem“ verschwand er damit. Bald darauf kam er mit einem halbwegs passenden Schlauch in den Händen zurück. Nach der Montage versuchte Christian den Jungs zu erklären, wie man einen Wasserboxer entlüftet. Nach einer Weile und mit viel Geplansche war auch das erledigt, so dass wir wieder aus eigener Kraft aus der Garage fahren konnten. Gekostet hat das Ganze nicht mal 15 CHF und das Abschleppen wird ja vom TCS übernommen. Unterdessen war es dunkel geworden und wir fuhren zum Campingplatz am Strand von Ünye.

Am nächsten Tag ging es weiter in das Landesinnere, unser Ziel war Hattuša, eine Ruinenstadt mit einer sehr langen Geschichte. Bereits 6000 Jahre vor Christus begannen sich hier die ersten Menschen niederzulassen und bauten den Ort nach und nach zu einer riesigen Stadt aus, deren Blütezeit 1700 vor Christus durch ein riesiges Feuer beendet wurde. Da wir erst spät in Boğazkale, dem kleinen Örtchen neben der Ruinenstadt, ankamen, verschoben wir den Besuch der Ruinenstadt auf den nächsten Tag und fuhren direkt auf den Campingplatz. Dort wurden wir auch gleich vom Dorfoberhaupt zu einer Hochzeit eingeladen. Das Brautpaar war gerade eingetroffen und die Band spielte zum Tanz. Wir dachten schon, das wir eine laute Nacht vor uns haben, aber nach 2 Stunden zog die Hochzeitsgesellschaft weiter und es wurde ruhig auf dem Campingplatz.

Die Ruinenstadt selbst war sehr beeindruckend. Vor allem die Dimensionen: Eine Umrundung der Stadtmauer dauert zu Fuss mehr als 5 Stunden! Zum Glück gibt es eine gut ausgebaute Strasse, die durch die ganze Anlage führt und befahren werden darf. Leider ist nicht mehr allzu viel von der damaligen Stadt erhalten. Nur die aus Stein gemauerten Grundfundamente der zahlreichen Tempel sowie ein Teil des imposanten Befestigungswalls sind noch vorhanden.

Nach der Besichtigung fuhren wir weiter Richtung Ankara, wo wir einen längst fälligen Ölwechsel durchführen wollten. Nach einer Nacht auf dem Parkplatz eines Hotels in der Nähe des Flughafens von Ankara fuhren wir in die Stadt zu einer Volkswagen-Niederlassung. Anfänglich verstand uns so ziemlich keiner. Niemand konnte Englisch oder Deutsch. Nachdem sie anfingen, uns Prospekte von neuen Autos vorzulegen, erklärten wir dann mit Hilfe von Google, dass wir nicht das ganze Auto, sondern lediglich das Öl tauschen wollten :-).
Irgendwann stellten wir fest, dass einer der Angestellten perfekt Französisch sprach und das Ganze wurde ein wenig einfacher. Zuerst erhielten wir eine Absage, sie hätten die Werkstatt voll und frühestens am nächsten Tag Zeit. So lange wollten wir nicht warten und wären schon fast aufgestanden, um zu gehen, als dann doch ganz plötzlich ein Hebebühnchen in der Werkstatt frei wurde. Sie nutzten einfach die Mittagspause, um bei unserem Büssli kurz das Öl zu wechseln. Nach dann doch gut zwei Stunden – inklusive Wartezeit – waren wir wieder auf der Autobahn und die Blaue Rakete zeigte seine Freude über das frische Öl mit einem seidenweichen Schnurren des Motors. Mit voller Fahrt fuhren wir Richtung Istanbul. Und dann plötzlich… haben wir ihn gesehen – einen wilden Bären!!! Nicht in den unbewohnten Weiten Russlands, nein, …in der Türkei, wo wir überhaupt keine Bären erwartet haben. Und dann auch noch auf einem Hang direkt neben der Autobahn nicht weit hinter Ankara! Ein braunes Bärchen. Leider waren wir zu schnell unterwegs, um ein Foto zu machen. Aber gesehen ist gesehen 🙂