Von Bischkek zum Song-Köl

Nach einer wunderbaren Nacht in den Bergen südlich von Bischkek sind wir nochmal kurz zurück in die Stadt, wo wir unser repariertes Steuergerät abholen wollten. Smail von der Pension, in der wir die Nächte zuvor übernachtet hatten, hat alles für uns organisiert. Leider hat die Werkstatt aber doch keinen passenden Mikrochip finden können und das ganze Warten war umsonst. So sind wir dann eben ohne Ersatz-Steuergerät Richtung Töö-Ashuu Pass (südwestlich von Bischkek) losgefahren. Rund 2000 Höhenmeter lagen vor uns. Auf einer gut ausgebauten und auch sehr befahrenen Strasse haben wir nach einigen Stunden den Tunnel auf 3300 m erreicht. Die Fahrzeuge stauten sich bereits mehrspurig vor dem Tunnel, der scheinbar kurzzeitig geschlossen war, und wir stellten uns ganz anständig an das Ende einer der Schlangen. Rund eine halbe Stunde mussten wir warten. In dieser Zeit konnten wir das kreative „Aufkollonieren“ der Kirgisen beobachten. Einige Male wurden wir von den anderen wartenden Autofahrern mit dem typischen „atkuda, kuda“ (woher, wohin) angesprochen. Endlich wurde der Tunnel freigegeben und mit einigem Gedrängel haben es dann auch wir in den Tunnel geschafft: Ein dunkles Loch; die Luft geschwängert von Abgasen; Gegenverkehr, von dem man kaum die Scheinwerfer sah. Nach einigen Metern schon hat unser Gasmelder Alarm geschlagen, trotz ausgeschalteter Lüftung und geschlossenen Fenstern… Zum Glück sahen wir nach wenigen Minuten ein helles Licht am Ende des Tunnels.

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Belohnt wurden wir hinter dem Tunnel mit der Aussicht auf ein grosses weites Tal. In Haarnadelkurven schlängelte sich die Strasse hinunter auf den Talboden auf rund 2000 m. Kurz nach der Abzweigung Richtung Suusamyr haben wir am Wegrand unser Nachtlager aufgeschlagen.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter über Kyzyl-Oy und Chaek, wo wir unterwegs Jacob, einen englischen Touristen und Alpinisten, aufgabelten. Zu dritt fuhren wir die immer schmaler werdende Strasse über Kara-Keche Richtung Song-Köl. Vorbei an Kohlenbergwerken und über Schneefelder kämpfte sich unser Büssli über einen rund 3330 m hohen Pass. Auf dem Pass erhofften wir uns einen Blick auf den Song-Köl, doch vor uns lagen noch einige Kilometer über Stock und Stein. Sogar eine Umleitung mit Flussdurchfahrt mussten wir überwinden, bevor wir den Song-Köl zu sehen bekamen. Doch die Strapazen lohnten sich. Der Song-Köl ist ein riesiger See auf rund 3000 m Höhe, umgeben von wunderschönen schneebedeckten Bergen und grünen Alpwiesen. Der Uferbereich des Sees ist recht sumpfig, so dass wir nicht direkt am See stehen konnten. Wir platzierten und in Sichtweite zwischen zwei Jurten-„Siedlungen“. Leider war uns das Wetter nicht so gnädig und der Regen vertrieb uns nach dem Abendessen ins Büssli. Kein Sternenhimmel in dieser Nacht…

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Reise nach Bischkek

Nach Natur-Pur im Aksu-Jabagly Naturreservat ging es zurück auf die Strasse, weiter in Richtung kirgisische Grenze. Unser Kasachstan-Visum erlaubt uns zwei Einreisen mit jeweils einem Aufenthalt von maximal 30 Tagen. Die ersten 30 Tagen waren nun fast um und somit rückte die „Zwangspause“ von Kasachstan näher. Wir haben ein letztes Mal in Kasachstan idyllisch am Feldrand übernachtet, bevor es über die Grenze und in den dicht besiedelten Norden Kirgistans ging. Auch dort haben wir für unsere erste Nacht ein einigermassen ruhiges Plätzchen gefunden, wenn auch mit Kuhherden, die abends und morgens an unserem Büssli vorbeizogen.

Der Grenzübergang verlief ein wenig anders als wir es bisher kannten. An der Grenze zwischen Kasachstan und Kirgistan werden Fahrer und Beifahrer getrennt durch die Grenze geschleust. Der Beifahrer läuft und muss lediglich seinen Pass vorzeigen, während der Fahrer zusätzlich noch die ganze Fahrzeugverzollung erledigen muss. Die Ausreise aus Kasachstan ging sehr flott, die kasachischen Zöllner waren freundlich und korrekt. Spannend wurde es erst auf der kirgisischen Seite. Als erstes wurde Christian (als Fahrer) von einem Soldaten mit umgehängter Kalaschnikow begrüsst. Neugierig fragte er mich nach meiner Herkunft und meinem Ziel, danach liess er sich das Büssli erklären und war sichtlich beeindruckt. Bei der Durchsuchung fand er eine Taschenlampe, die ihm sehr gefiel. Christian solle ihm sie schenken, fand er. Christian dachte nicht mal daran und zeigte ihm eine kleine Taschenlampe, auf die wir hätten verzichten können. Diese lehnte er jedoch mit dem Hinweis „Made in China“ ab. Schlussendlich konnte Christian passieren und kam somit endlich in den kirgisischen Zollbereich. Sofort wurde er von drei Herren der Zolldeklaration abgefangen. Es war direkt klar, dass diese Herren gerne ihr Gehalt ein bisschen aufgebessert hätten oder zumindest ein „Souvenir“ aus der Schweiz haben wollten. Aber Christian blieb hart und verstand nur das Nötigste oder das Falsche, so dass sie bald aufgaben. Die Zolldeklaration selbst fand dann in einem Haus neben dem Zoll statt. Eine nette Dame in Kampfhose und Strickpulli füllte die Formulare gleich selber aus. Durch das Schalterfenster blickte man nicht etwa in ein Büro, sondern in ein gemütliches Wohnzimmer. Grosse Sofas, schöne Teppiche, Teekocher und was ein Zöllner sich sonst noch so wünscht für gemütliche Tage auf der Arbeit. Ein grosser Fernseher lief im Hintergrund. Nach einigen Minuten kam ein weiterer Zöllner ins Wohnzimmer, zog seine Schuhe aus, machte es sich auf dem Sofa bequem und zappte durch die Fernsehkanäle. Kurz darauf erhielt ich meine ausgefüllten Formulare und konnte wieder zurück zum Büssli. Noch eine Kontrolle des Fahrzeuges durch neugierige Zöllner und dann wurde die letzte Schranke geöffnet. Wir waren in Kirgistan!

Auf dem Weg in Richtung Bischkek gab es die Eingewöhnung mit den kirgisischen Polizeikontrollen. Die erste direkt nach der Grenze, in der es hiess, dass wir eine Art Strassengebühr zahlen müssten. Komisch nur, dass wir die einzigen zu sein schienen, die diese Gebühr abgeben sollten… Nööö, machen wir nicht… Christian hat sich mal wieder standhaft geweigert und nach einer Weile durften wir weiterziehen. Nur einige Kilometer die Strasse entlang kam die nächste Kontrolle. Angeblich sei es ein Vergehen, dass unsere Autonummer nicht auch oben am Heck angeschrieben ist. Blödsinn… Auch hier wieder: Geduld zahlt sich aus. Und weiter ging’s – letztendlich wieder ohne „Schdrafff“.

Am Tag nach der Einreise sind wir in Bischkek angekommen und haben uns mal wieder durch den chaotischen Stadtverkehr an unser Ziel manövriert: eine kleine, hübsche und sehr freundliche Pension; ruhig und doch nicht weit weg von der Innenstadt. Das Personal hier weiss extrem viel über Kirgistan, seine Kultur und Geschichte und alles, was einen Touristen so interessiert. Und sie erzählen alles sehr geduldig und ausführlich. Vielleicht ist das ein Vorteil von Vor-Saison-Reisenden!?
Dabei haben wir auch erfahren, dass sich viele Beamte ihren Job „kaufen“ müssen. Sie müssen ein rechtes Sümmchen zahlen, damit sie nicht gefeuert werden, und dieses Geld müssen sie irgendwie wieder reinholen. Das erklärt einiges…

Bezüglich Sehenswürdigkeiten hat Bischkek nicht wahnsinnig viel zu bieten. Der trubelige und sehr verwinkelte Osh-Basar ist sicher ein Erlebnis. Es gibt (fast) alles – man muss nur wissen, wo. Ansonsten ist der zentrale Ala-Too-Platz noch recht eindrücklich. Auf dem Weg durch die Stadt haben wir Maksym (säuerliches Getränk aus fermentiertem Getreide) und Chalap (wie Maksym, aber mit Ayram – also Naturjoghurt – gemischt) probiert. Es war für unseren Geschmack doch sehr speziell… Chalap war ein bisschen besser als Maksym (schon allein von der Ästhetik her). Wir bleiben dann doch lieber bei den auch für den europäischen Geschmack leckeren Dingen wie den kleinen süssen oder salzigen Gebäckstücken, die es oft am Strassenrand zu kaufen gibt.

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Aksu-Jabagly Naturreservat

Das Aksu-Jabagly Naturreservat liegt südlich von Turar Rysqulov und beherbergt die zwei Flüsse Aksu und Jabagly. Wir haben uns im Dorf Jabagly für zwei Nächte in der gemütlichen Pension von Zhenja und Lyuda einquartiert (www.aksuinn.com). Yevgeny (Zhenja) ist Biologe und weiss so ziemlich alles über Vögel und auch eine Menge über die restliche Fauna und Flora der Gegend. Man merkt, dass er voll und ganz in der Ornithologie aufgeht. Ausserdem sind Zhenja und Lyuda sind zwei sehr herzliche Menschen und man fühlt sich in ihrer von sehr viel Grün umgebenen Pension gut aufgehoben.
Eigentlich wollten wir am 30. Mai eine Wanderung zum Aksu-Canyon machen. Leider hat es aber den ganzen Tag wie aus Eimern geschüttet, so dass die Tour abgesagt wurde. Anstatt dessen sind wir am darauffolgenden Tag zur näher gelegenen Kishi-Kaindy-Schlucht gewandert. Wanderungen darf man in diesem Naturreservat nur nach Anmeldung und mit Guide durchführen. Unser Guide hat uns über ein paar Bächlein hüpfen lassen, über Blumenwiesen geführt und uns Bärentatzen-Spuren gezeigt. Ausserdem wilde Apfelbäume, die Sprösslinge von wilden Tulpen und natürlich die Schlucht mit Wasserfall. Die Bären hier leben übrigens hauptsächlich vegetarisch (sehr sympathisch 🙂 ).

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Turar Ryskulov – auf speziellen Wunsch

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Turar Ryskulov ist eine grössere Ortschaft zwischen Shymkent und Taraz.  Die Bilder haben wir speziell für Alexander gemacht, der in der Gegend aufgewachsen ist. Viel zu sehen gibt es in der Ortschaft selber ehrlich gesagt nicht, aber sie liegt zwischen wunderschönen grünen Hügeln und ist in etwas weiterer Entfernung von hohem Gebirge, das mit weissen Gipfeln geschmückt ist, umgeben. Ein bisschen wie in der Schweiz 😉

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In der Ortschaft mussten wir wieder mal unsere Bargeldkasse auffüllen; also haben wir uns auf die Suche nach einem Bankomaten gemacht. Angeblich gibt es deren drei in der Ortschaft. Den einen haben wir nicht gefunden, der andere war defekt und der dritte leer. Also haben wir an dem dritten Automaten zusammen mit anderen Bargeldbedürftigen rund eine Stunde gewartet bis die Bankangestellten das Geld gezählt und den Automat wieder befüllt hatten. Das haben wir zumindest als Grund für die Wartedauer verstanden. In Kasachstan ist Geldabheben ein gesellschaftliches Ereignis. Man steht dicht gedrängt um den Automaten und alle schauen zu und geben Tipps beim Abheben. Manche haben beim Eintippen des PINs sogar die Nummern vor sich hingemurmelt. Aus unserer Sicht wirkte das alles sehr naiv, aber nach und nach haben wir den Eindruck erhalten, dass hier niemand irgendjemandem etwas Böses will – alle sitzen im gleichen Boot und wollen sich gegenseitig unterstützen oder sich zumindest durchs Zuschauen die Zeit vertreiben. Natürlich wurde auch uns beim Abheben über die Schulter geschaut – man war sicher neugierig, wie viel die Schweizer so abheben. Denn mit den Banken werden wir Schweizer sogar in Kasachstan assoziiert. Nicht unbedingt ein Kompliment aus unserer Sicht.

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Shymkent und der (zweite) Raketenstart

Shymkent präsentierte sich uns als eine quirrlige Stadt, die nie schläft. Zwischen Ortsein- und Ortsausgang drängte sich der Verkehr, mehrspurig und chaotisch. Eine wahre Grossstadt im Süden von Kasachstan, wo der Grossteil der Bevölkerung aus Kasachen besteht. Shymkent ist zudem eine sehr grüne Stadt mit Parks und Alleen, was uns bei 35°C sehr gefreut hat. Hier und da in der Stadt verteilt, gibt es kleine Vergnügungsparks mit Karussells, Rollschuhbahn, Schiessbuden, Autoscooter, 7D(!)-Theater, Zuckerwatteständen und vieles mehr. Im grossen Einkaufszentrum der Stadt kann man im Untergeschoss Schlittschuhlaufen und die Ticketkontrolleure im Bus stehen bei jeder Station wie Marktschreier an der Bustür und rufen die Fahrroute der Buslinie aus (das war zumindest unsere Interpretation). An einem Kiosk haben wir zum ersten Mal Kwas probiert: Es sieht aus wie Tee mit Kohlensäure; schmeckt irgendwie gegoren, wässrig, mit einer Erdnussnote; und ist ein Brotbier.

Auch zum ersten Mal haben wir Lagman probiert. Das sind (im besten Fall hausgemachte) Nudeln in einer öligen, tomatigen, recht stark gewürzten Sauce mit etwas Gemüse und Fleischstückchen. Unser Reiseführer hatte uns das Restaurant Karavan, das in einem der Parks liegt, dafür empfohlen und es war echt lecker.

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Von Shymkent aus sind wir nach Süden in Richtung Tashkent gefahren bis zu einem Tal, in dem laut Reiseführer ganze Felder von Rosen blühen, die hier gezüchtet werden. Wir haben nur Tomatenfelder in Treibhäusern gefunden. Und ein ganz idyllische Dorf namens Turbat. Da unser nächstes Ziel, das Naturreservat Aksu-Zhabagly, nördlich von uns lag, sind wir wieder zurück in Richtung Shymkent. Auf dem Weg haben wir noch das passende Öl für den anstehenden Ölwechsel an einer Helios-Tankstelle gekauft. Ein Stückchen hinter Shymkent, wo die Strasse mal wieder zur Hälfte aus Baustellen und Umfahrungen bestand, haben wir uns für die Nacht auf einem Hügel mit Blick auf die umliegenden Gebirge platziert.

Der nächste Tag war vor allem der Suche nach einem geeigneten Platz zum Beobachten des Sojus-Raketenstarts in Baikonur gewidmet. Kurz vor 2 Uhr nachts am 29. Mai sollte die Rakete zur ISS starten – und das durften die Terranauten der Blauen Rakete ja nicht verpassen! Wir haben einen ganz hübschen Ort auf einem Hügel inmitten von Gräsern und Blumen bewachsenen Feldern gefunden. Am Horizont nur Hügel und Berge. Den Nachmittag haben wir mit Lesen, Faulenzen und Insektenbeobachten verbracht.

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Nach einem Abend mit Hörnlisalat und Vorschlafen war es soweit und wir haben unsere Kameras mit Langzeitbelichtung in Position gebracht. Zwei Füchse liefen vor uns bellend durchs Feld. Wir warteten auf etwas, von dem wir keine Ahnung hatten, wie es wohl aussehen würde. Hier, im Dunkeln, etwa 600 km von Baikonur entfernt… Millionen Sterne funkelten über uns, am Horizont war es leider ein wenig bewölkt. Kurz vor 2 Uhr. Nichts passierte. Einige Minuten später wurde eine der Wolken etwas heller. Es sah fast aus wie ein Nordlicht. Der Lichtfleck wurde grösser, … mehr aber auch nicht. Eine weisse Wolke am Nachthimmel. Und dann ist sie wieder verschwunden. War’s das?? Hmm… Was auch immer wir da gesehen haben, die Vorstellung, wie dort ein paar Leute in dem riesigen All, oberhalb der weissen Wolke, alleine umherwabern ist so oder so beeindruckend.

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Die Seidenstrasse von Turkistan nach Shymkent

Turkistan. Eine Stadt, die an sich anderen südkasachischen Städten ähnelt. Was sie aber von den anderen unterscheidet, ist das Hodscha Ahmad Yasawi Mausoleum. Es ist gigantisch!! Wahnsinn, was man Ende des 14. Jahrhunderts schon bauen konnte! Das Mausoleum wurde zum Gedenken an Hodscha Ahmad Yasawi gebaut. Yasawi lebte und wirkte in Turkistan. Er hat im 12. Jahrhundert den Koran für das „einfache Volk“ in Zentralasien verständlich übersetzt und gelehrt und somit den Islam verbreitet. Einen grossen Teil seines Lebens verbrachte er in einer halb unterirdischen Moschee neben dem heutigen Mausoleum. Heute ist das Mausoleum eine wichtige Pilgerstätte für Muslims – drei Pilgerreisen zum Mausoleum sind angeblich genauso viel wert wie eine Reise nach Mekka. Aus dem 14. Jahrhundert gibt es auf dem Gelände auch noch ein Badehaus bzw. Hamam für die damaligen Pilger. Mit Bodenheizung und Dampfbad!
Das Mausoleum und auch alle anderen Gebäude auf dem Gelände kann man sich von englischsprachigen, sehr kompetenten weiblichen Guides zeigen und erklären lassen. Nur zu empfehlen, wenn man sich für die Details interessiert!

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Auf unserer Weiterreise nach Shymkent haben wir noch einen kleinen Schlenker südlich der Hauptroute gemacht, um das Arystan Bab Mausoleum anzuschauen. Arystan Baba war der Lehrer von Yasawi. Wenn man allerdings vorher das Yassawi Mausoleum gesehen hat, wirkt das Arystan Bab Mausoleum recht unscheinbar. Man sollte die Besichtigungsreihenfolge wohl tauschen.

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Wir haben uns also nicht lange in der sengenden Nachmittagshitze aufgehalten (ein weitere mögliche Sehenswürdigkeit, die Ruinen von Otrar, war zu dieser Zeit für Besichtigungen geschlossen) und sind, nach einer Übernachtung am Feldrand, weiter nach Shymkent gefahren.

 

 

 

Von Qamystybas nach Turkistan

Nach der vergeblichen Suche nach dem Aralsee wollten wir doch noch ein wenig Wasser sehen. Zum Glück gibt es nicht weit von Aral einen grossen Süsswassersee, den See Qamystybas. Am Ufer dieses Sees haben wir für die nächste Nacht unser Lager aufgeschlagen. Links und rechts von uns standen traditionelle Jurten. Uns war erst nicht ganz klar, ob diese Jurten bewohnt waren oder nicht. Auch hatten wir ein wenig Zweifel, ob wir hier wirklich baden sollten und vor allem in welchem Outfit – schliesslich befanden wir uns ja im südlichen und somit verstärkt muslimischen Teil Kasachstans. Bald aber kam ein Kleinbus voller Kinder angefahren und nach kurzer Zeit plantschten sie im See. Somit wagten auch wir uns in den See. Das Wasser war angenehm kühl, erfrischend und sah erstaunlich sauber aus. Zur Feierabendzeit kam dann irgendwie das ganze Dorf an den Strand. Es wurden noch mehr Jurten aufgestellt, und der Strand wurde gereinigt („Reinigen“ heisst in Kasachstan: Alles Brennbare wird direkt an Ort und Stelle abgefackelt). Einer der Jurtenbesitzer lud uns in eine Jurte ein. Wie sich dabei herausstellte, wurden die Jurten extra für Touristen aufgestellt und sollten zum Übernachten vermietet werden. Wir lehnten dankend ab, denn unser Büssli schien uns komfortabler (trotz dem im Mietpreis enthaltenen knuddeligen Wachhund). 
Nach leckerer Pasta zum Abendessen spendierte uns die Natur einen wunderschönen Sonnenuntergang überm See. Vielleicht Dank des ständigen starken Winds war kein Mückenflugwetter und wir konnten draussen vorm Büssli essen.

Die Einheimischen zogen sich langsam wieder in ihr Dorf zurück. Einer von ihnen hatte einen Platten am Auto und bat uns um Hilfe. Klar doch, wir haben ja alles dabei. Über unsere 12V-Pumpe staunte der „Platten-Besitzer“ nicht schlecht. Das Rad war schnell wieder aufgepumpt und der Kasache verabschiedete sich hupend und winkend.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter südöstlich Richtung Kyzylorda. Rund um Kyzylorda wird mit viel Wasser aus dem Fluss Syr Darya Reis angebaut. Wasser, welches übrigens dann im Aralsee fehlt… Beidseits der Strasse waren riesige grüne Flächen zu sehen, viele davon bereits geflutet. Wir befürchteten Schlimmes: Mückenüberpopulation…, Büssli-Invasion…, Aufwachen als ein riesiger Mückenstich! Da es langsam dunkel wurde, mussten wir uns aber wohl oder übel einen Schlafplatz suchen. Irgendwo zwischen Reisfeldern und Eisenbahnlinie wurden wir fündig. Erstaunlicherweise gab es keine einzige Mücke! Sie schienen hier noch nicht Saison zu haben. Dafür gab es aber ganz lästige Fliegen, die einem immer tief in die Augen oder Ohren schauen wollten.

Apropos „Blutsauger“, eine Spezies gab es doch: Die auf der Strasse mit Uniform. Auf der Fahrt von Aralsk nach Turkistan wurden wir ganze SECHS Mal von der Polizei gestoppt (fünf Mal allein zwischen dem „Bett im Reisfeld“ und Turkistan – an einem einzigen Tag!). Einmal wollten sie uns wegen fehlenden Schmutzfängern büssen und das andere Mal, weil wir als Touristen nicht die Transitstrasse genommen hätten. Klar, sie wollten Geld sehen, und zwar am liebsten Dollar oder Euro. Aber wir haben unsere Prinzipien und zahlen kein Schmiergeld! Es kann richtig Spass machen mit einem Polizist zu diskutieren und immer nur so viel zu verstehen wie man gerade will. Nach 15 Minuten geben sie immer auf, oder lassen sich im Notfall mit einer Flasche Bier oder etwas Schokolade loswerden.

 

Oral – Aktobe – Aral

Die Wüste lag hinter uns und vor uns wieder die bis an den Horizont reichende Steppe. Kein Hügel, kein Baum. Aber dann – doch: Auf dem Weg von Atyrau in den Norden wurde es immer grüner, denn dort schlängelt sich der Fluss Ural von Russland kommend bis ins Kaspische Meer bei Atyrau. Sogar ein paar Bäume wuchsen entlang des Flusses und bunt-schillernde Vögel flogen um unseren Übernachtungsplatz am Fluss. Ein paar Pferde badeten ein paar Meter weiter. Die perfekte Idylle – wären da nicht all die Mücken!

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Am darauffolgenden Tag fuhren wir bis hinter Oral, wo es laut Reiseführer einen Campingplatz (!) geben sollte. Er entpuppte sich als „russischer“ Campingplatz, wo man nur in Hütten, aber nicht im Büssli übernachten konnte; Duschen gab es auch nicht. Da wir von der Hitze und der langen Fahrt recht erschlagen waren, haben wir uns nach einer Dusche (unserer Dachdusche) gesehnt und brauchten dafür nur noch eine hübschen, ungestörten Ort. Den fanden wir an der nächsten Schlaufe des Urals, wenn auch wieder mit Schwärmen von Mücken.

Nach einer kühlen Nacht und etwa 30 Mückenstichen mehr pro Person ging die Reise weiter nach Aktobe. Dort gönnten wir uns ein Hotel mit sowjetischem Ambiente. Die Zimmer waren günstig, dafür gab’s aber nur Einzelbetten und keine Klimaanlage. Egal, Hauptsache keine Mücken. So schmorrten wir den Rest des Nachmittags im Hotelzimmer vor uns hin und planten unsere Weiterreise. Die Stadt Aktobe erkundeten wir am Abend und am nächsten Tag. Aktobe ist recht übersichtlich in seiner Grösse, entlang der Hauptstrasse aber sehr lebhaft. Direkt neben unserem Hotel gab es ein Shopping Center inklusive Mini-Zoo vor der Tür und Moschee hinten dran. Ein Shopping Center in Kasachstan ist etwas anders aufgebaut als man es in Europa kennt. Die Läden, die alle eine Hausnummer haben, sind sehr klein und haben somit ein sehr beschränktes Sortiment. Der eine Laden verkauft Pelzmäntel, der nächste Abendkleider, der nächste Sommerkleider, etc. Von den meisten Teilen gibt es nur eine Grösse und Männerkleidung findet man selten. Eigentlich ist es wie ein überdachter, mehrstöckiger Bazar.
In der ersten Nacht in Aktobe zogen nach dem schwül-heissen Tag Gewitterwolken auf. Das Gewitter näherte sich nicht langsam, sondern begann mit einem laut krachendem Einschlag in eines der nebenstehenden Häuser. Daraufhin begannen etwa 20 Autoalarmanlagen auf dem Parkplatz im Hinterhof zu heulen. Kurz nachdem der Alarm wieder gestoppt hatte, kam ein neuer Blitz und Donner und das Geheul fing von vorne an. Starker Regen platzte aus den Wolken. Es dauerte allerdings nicht lange und das Gewitter war vorbeigezogen. Aber es hat gereicht: Endlich Abkühlung!

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Von Aktobe aus fuhren wir weiter süd-östlich nach Aral (bzw. Aralsk). Entlang der Strasse sollte laut Reiseführer und Internetrecherche ein ca. 1 Mio. Jahre alter Meteoritenkrater (Zhamanschin) mit ca. 14 km Durchmesser und 700 m Tiefe liegen. Auf eigene Faust fanden wir lediglich Steine, die aussahen, wie sprödes Glas. Dies sollte beim Aufprall des Meteoriten durch die hohe Hitze und den Druck entstanden sein. Um zum Krater zu kommen, fragten wir bei mehreren kleinen „Raststätten“ entlang der Strasse nach, aber keiner wusste irgendwas oder wenn doch, dann nichts Genaues. Den Krater haben wir somit leider nicht gefunden, aber ein paar schöne Einblicke in die kasachischen Einkehrmöglichkeiten entlang der Hauptstrasse.

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Manchmal sah es so aus, als liege der Aralsee direkt vor uns. Aber wir sind nicht auf die zahlreichen Fatamorganas reingefallen und immer schön auf der Strasse geblieben.

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In Aral machten wir uns auf die Suche nach dem Aralsee. Der nördliche Aralsee sollte ja aufgrund des gebauten Damms schon wieder angewachsen sein. Wir fuhren die einzige Strasse (Schotterpiste), die in Richtung der Aralsee-Küste führte, und kamen bis zu einem Dorf (Zhalangash), wo laut Reiseführer Schiffswracks zu sehen sein sollten. Diese sind aber wohl mittlerweile von Schrotthändlern zerlegt und verscherbelt worden. Der weitere Weg zum See bestand aus einer sandigen Fahrrinne. Unschlüssig, was wir nun machen sollten, standen wir am Rand des Dorfes zwischen blökenden Kamelen. Nach und nach scharrten sich immer mehr Kinder (Jungs) um uns herum. Der Mutigste fragte uns, wie wir heissen und sagte seinen Namen, währendem der Frechste heimlich die Ventilkappen von unseren Reifen schraubte!
Wir beschlossen, keine weiteren 30 km über eine Sandpiste mit ungewissem Ziel zu fahren und kehrten um, zurück nach Aral. Dort durchquerten wir das ehemalige Hafenbecken (jetzt teilweise Müllkippe) und stellten uns einfach vor, im Aralsee zu schwimmen.

Während in Zürich noch über einen unnützen Hafenkran diskutiert wird, hat Aral (unfreiwillig) bereits zwei davon…

 

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Mangghystau – Am Kaspischen Meer

Auch in Atyrau und Umgebung konnten wir nirgendwo mit dem Büssli ans Kaspische Meer fahren (Delta, keine Strassen, …). Also nahmen wir einen kleinen Abstecher auf die Halbinsel Mangghystau in Angriff, wo es laut Reiseführer wunderschöne Buchten geben sollte. Doch aus dem kleinen Abstecher wurde eine ziemliche Tortur. Wir waren von Berichten im Internet gewarnt worden: die Strasse zwischen Beyneu und Shetpe sei „a really, really bad desert track“. 300km Piste lagen vor uns mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h. Und das Ganze dann auch noch bei 40°C im Schatten, von dem es weit und breit keinen gab! Zum Glück waren einige Abschnitte bereits neu geteert und so konnten wir die ganze Strecke Atyrau-Aktau dann doch fast in einem langen, anstrengenden Tag fahren.

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Am Ende haben sich die Strapazen und die Wüstenstaubschicht auf und im Büssli gelohnt. Zwischen Shetpe und Aktau kamen wir an riesigen Ölfeldern vorbei. Aktau ist eine Stadt zwischen Meer und Wüste die einzig und alleine wegen der Öl- und Uranvorkommen gebaut wurde. Nachdem wir unsere Vorräte aufgefüllt und einen Stadtplan organisiert hatten (den braucht man in Aktau unbedingt, da es keine Strassennamen gibt, nur Nummern), fuhren wir wieder hinaus in die Wüste, wo wir uns nördlich von Aktau ein Plätzchen am Strand suchten und unser Lager aufbauten. Türkisblaues Meer und kleine Muschelsandbuchten zwischen den Kalksteinklippen und mitten drin unser Büssli direkt auf den Klippen. Eigentlich wunderschön, wäre da nicht dieser Abfall! Die Kasachen haben ihren Abfall leider nicht so im Griff. Alles wird liegen gelassen und was gesammelt wird, wird auf offenem Feld verbrannt.

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Nach einem Bad im sehr kalten Kaspischen Meer haben wir zum ersten Mal auf dem Biolite Kocher unser Abendessen gekocht. Hat super funktioniert und Gas gespart haben wir dadurch auch. Unser Gastank war nämlich fast leer und wir konnten bisher kein neues Gas tanken – obwohl wir mitten im weltgrössten Ölfeld sassen. Das Problem war, dass keine LPG-Tankstelle einen passenden Adapter zu unserem Tank hatte. Das musste schleunigst geändert werden, und somit haben wir uns am nächsten Tag mit Hilfe eines Aktauers auf die Suche nach einem Mechaniker gemacht, der uns einen Adapter bauen könnte. Der freundliche Herr düste mit uns kreuz und quer durch die Stadt bis wir beim fünften Anlauf endlich einen Mechaniker gefunden haben, der geöffnet hatte. Innerhalb von ein paar Stunden hat er uns einen passenden Adapter für umgerechnet 15 CHF gedreht. Endlich konnten wir wieder Gas tanken!

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Am darauf folgenden Tag fuhren wir zurück nach Shepte und von dort aus ein Stück weiter nach Nordwesten zum Berg Scherkhala, der wie eine riesige Jurte aus der Steppe emporragt. Ein Stück weiter in Richtung Schair haben wir uns noch eine Oase und wundersame steinerne Kugeln angeschaut. Die Kugeln sind über viele Millionen Jahre hinweg durch Ablagerung von Mineralien um kleine Meeresgetiere herum entstanden.

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Anschliessend ging es an die Rückfahrt nach Atyrau, auf die wir uns so gar nicht freuten. Diesmal hatten wir allerdings besser geplant und sind ein erstes kleines Stück der Horror-Strecke Shetpe-Beyneu am Abend gefahren als es schon langsam wieder kühler wurde. Für den Rest der Strecke sind wir am nächsten Morgen um 5 Uhr aufgestanden, haben alle Vorhänge hinten geschlossen gelassen und sind direkt losgefahren als es gerade hell genug war. Somit hatten wir die ganze Zeit die Sonne im Rücken und waren vor der Mittagshitze in Beyneu. Von Beyneu nach Atyrau waren die Strassen wieder besser und wir hatten den Fahrtwind als Klimaanlage.