Einmal quer durch Sibirien

Der Baikalsee rief uns und wir folgten seinem Ruf. In 3,5 Tagen sind wir durch die malerische Taiga, umrahmt von spektakulären Wetterkapriolen, von Novosibirsk nach Irkutsk gebraust.
Am ersten Tag regnete es eimerweise. Vor allem in den Städten war das Abwassersystem hoffnungslos überfordert (Gab es überhaupt eins? Wir haben keine Gullis gesehen…) und das Wasser stand teilweise 20 cm tief auf dem Asphalt oder rauschte in Sturzbächen an uns vorbei. Uns taten die russischen Fussgängerinnen in ihren Kleidchen und Stöckelschühchen Leid. Aber ehrlich gesagt war es auch ein bisschen lustig ;). Ach ja, und da Schadenfreude bekanntlich nicht ungestraft bleibt, tauchte wenig später unser schon aus einem früheren Spanien-Urlaub bekanntes Regenproblem auf: Der Motor schaltete ab. Der Motor liess sich zwar immer gleich wieder anstellen, aber nie lang, vor allem nicht im langsamen Stadtverkehr. So zündete Christian alle 50 m neu bis wir einen Parkplatz gefunden hatten. Dort liessen wir das Büssli eine gute halbe Stunde trocknen (es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen). Danach fuhren wir – immer noch nicht flüssig – weiter. Ausserhalb der Stadt ging’s dann wieder gut. Dort war auch nicht so viel Wasser auf der Strasse. Am Abend auf einer „Avtostajanka“ (Autorastplatz) machten wir einen Zündkabel-Check, indem wir im Dunkeln bei laufendem Motor Wasser auf die Zündkabel sprühten und nach Funken Ausschau hielten. Zu sehen war nichts, aber wir tauschten trotzdem mal alle Zündkabel aus – ein Versuch war es Wert. Gleich am nächsten Tag, der wieder extrem viel Regen brachte, konnten wir unsere „Reparatur“ testen. Und tatsächlich, der Motor hat nicht abgestellt. Vielleicht hatte ja eins der Kabel wirklich einen Knacks.

 

GW0B1227 L1070977

 

Etwa 250 km vor Krasnojarsk haben wir den 18-jährigen Vlad, der mit seinem grossen Rucksack auch in Richtung Osten wollte, aufgegabelt. Vlad schien die vorige Nacht nicht viel Schlaf bekommen zu haben, denn er verschlief fast die ganze Fahrt. Vielleicht lag es an dem heftigen Gewitter, das im Moment fast jeden Abend über Sibirien tobt und im Zelt sicher nicht so angenehm ist wie im Büssli.
Etwa 150 km vor Krasnojarsk bemerkten wir, dass unser Büssli (mal wieder) Kühlwasser verliert und fanden einen undichten Schlauchübergang. Da es nur wenig Wasser war und die Stelle nur schlecht erreichbar war, drückten wir alle vier Daumen (Vlad hat ja geschlafen) und fuhren erstmal weiter.
In Krasnojarsk haben wir Vlad, der mittlerweile ausgeschlafen hatte, ausgeladen und uns auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz gemacht. Es hat sich aber mal wieder herausgestellt, dass das in und um Grossstädte herum gar nicht so einfach ist. Noch dazu ist die Gegend um Krasnojarsk am Enisej-Ufer sehr hügelig und somit ist fast jedes befahrbare Stückchen Land besiedelt. Am Ende haben wie die Hoffnung auf ein idyllisches Plätzchen aufgegeben und uns auf den Parkplatz an der „Talstation“ eines kleinen (Ski-)Lifts im Süden der Stadt am Rande des Nationalparks gestellt. Da die Strasse eine Sackgasse war und lediglich zum Lift führte, hatten wir mit einer ruhigen Nacht gerechnet. Aber leider fanden auch ein paar Motorradfahrer die wenig befahrene Strasse toll, um dort ihre nächtlichen Runden zu drehen…

 

 

GW0B1221

 

Nach einer kurzen Nacht fuhren wir weiter Richtung Irkutsk. Als wir auf dem Parkplatz eines kleinen Supermarkts in Nischneudinsk anhielten und einen kurzen, prüfenden Blick unters Büssli warfen, sahen wir einen deutlichen Kühlwasserfleck. Mist! Zum x-ten Mal räumten wir das Büssli hinten aus, um in den Motorraum schauen zu können. Diesmal leckte es an einer anderen Stelle – auch hier an einem Schlauchübergang. Naja, das sollte eigentlich auch in einer kleinen Dorfwerkstatt zu reparieren sein. Also suchten wir uns eine der in jedem Örtchen zahlreich vertretenen Werkstätten aus, die gerade noch einen Platz frei hatte. Die Werkstatt befand sich etwa 100 m vom örtlichen Ballungszentrum der Autoersatzteilhändler (auch von diesen gibt es in jedem Dorf so einige) entfernt. Sehr praktisch, denn zuerst mussten wir auf die Suche nach einem Ersatzschlauch gehen – der war nämlich an der Befestigungsstelle eingerissen. Einen Schlauch mit den passenden Biegungen an den richtigen Stellen gab es natürlich nicht und so wurde in der Werkstatt ein bisschen gezaubert (ein Teil neuer Schlauch, ein Teil alter Schlauch, ein Metallrohr und zwei Brieden – und …puff… das Ersatzteil war fertig). Nun musste nur noch das bei der Reparatur verlorengegangene Kühlwasser aufgefüllt werden. Keiner der sechs Ersatzteilehändler hatte ein VW-Antifreeze. Wahrscheinlich hätte auch eins der vorrätigen japanischen Antifreeze funktioniert, aber wir wollten keine Experimente eingehen und füllten somit nur mit Wasser auf – es fehlte ja nicht viel.
Weiter ging die Fahrt. Die nächste Nacht verbrachten wir zwischen LKWs, Plumpsklo und Zapfsäulen auf einem Rastplatz-Parkplatz. Am nächsten Morgen: Das Büssli tropfte fröhlich vor sich hin… an der reparierten Stelle. Wir zogen die Schrauben an den Brieden nach. Den nächsten Tag durch hat’s gehalten – drückt die Daumen, dass es auch weiter hält!

 

L1080012

 

Am gleichen Abend noch – wir haben es selbst fast nicht glauben können – sahen wir plötzlich den Baikalsee vor uns! Ein grosses Zwischenziel ist erreicht. Wir haben einen wunderschönen Stellplatz abseits der Strasse in einem lichten Förenwäldchen mit Sicht auf den See und umgeben von vielen kleinen Blumen gefunden und es uns für’s Erste gemütlich gemacht. Es sieht hier fast aus wie im Hochgebirge, obwohl wir nur auf 600 m sind. Morgen geht es dann weiter auf die Insel Ochlon.

 

GW0B1238 L1080064

 

 

Novosibirsk – Обское море

In Omsk haben wir zwei Werkstätten besucht; eine war sogar auf VW spezialisiert, die andere auf Lastwagen (dort sind wir mehr per Zufall vorbeigekommen). Beide fanden, dass sie den Büssli-Motor mit den entsprechenden Ersatzteilen reparieren könnten. Wir waren jedoch nach unseren Erfahrungen in Almaty nicht so ganz davon überzeugt und wollten eine richtige VW-Werkstatt. Daher beschlossen wir mit dem Rauchzeichen-gebenden Büssli weiter nach Novosibirsk zu fahren. Dort gibt es nämlich eine offizielle VW-Werkstatt. Sogar zwei laut Internet. Die 800 Kilometer von Omsk nach Novosibirsk liefen dann auch ganz flott und ohne weitere Probleme. Zu bewundern gab es vor allem die weite sibirische Landschaft. Ein bisschen wie Finnland, aber viel grösser. Die Übernachtungsplätze haben wir versucht, so mückenarm wie möglich auszusuchen, aber das war eigentlich praktisch nicht möglich. Und wenn es doch mal wenig Mücken gab, dann gab es viele kleine, lästige Fliegen.

IMG_6890

In Novosibirsk haben wir einen der beiden VW-Vertreter angesteuert. Nach einer kurzen Diagnose des Motors haben wir erfahren, dass es wohl ein Leck im Kühlwasserkreislauf gibt. Eigentlich ja nichts Neues für uns; spannend war aber, dass sie die Diagnose anhand der Verfärbung der Zündkerzen erstellt hatten. So konnte sogar bestimmt werden, welcher Zylinder Wasser frisst. Hätten wir das auch schon vor unseren Ferien feststellen können? Naja, wir lernen dazu. Wie auch immer, die Zündkerzen waren eh schon überfällig und so haben wir diese auch gleich gewechselt. Wir haben für den nächsten Tag einen neuen Termin ausgemacht, um zu schauen, ob eine Verfärbung der neuen Kerzen die Diagnose bestätigt. Ausserdem wollten wir das Ventilspiel einstellen lassen, in der Hoffnung, dass dann das Klappern der Stössel, das uns seit Almaty verfolgt, verschwindet.

In der Werkstatt haben wir Aleksandar kennengelernt. Ein Russe mit deutscher Abstammung. Er war eine grosse Hilfe beim Übersetzen und zeigte uns am Abend dann auch einen wunderschönen Platz am Обское море, dem Novosibirsker „Meer“ (Stausee), wo wir übernachten konnten. Nach einer kurzen Nacht und einem morgendlichen Bad im kühlen See sind wir wieder in die Werkstatt gefahren. Der Mechaniker, der sogar eine russische Ausgabe unseres Büssli-Handbuches hatte, stellte das Ventilspiel ein. Er ist selbst Besitzer einer VW-Busses ist (vermutlich einer der östlichsten der Welt), was uns irgendwie beruhigt hat. Bei einem solchen Mechaniker ist unser Büssli in guten Händen. Der erneute Check der Zündkerze im vermutlich kränkelnden Zylinder 3 war wieder verfärbt – das Leck war somit bestätigt. Da die Dichtungen ja gerade erst gewechselt wurden, vermuten wir das Leck im Zylinderkopf selbst (auch wenn unser Mech in der Schweiz noch nie so etwas erlebt hat). Den Grund für das laute Motorengeräusch, das wir seit Almaty hören, wurde auch gefunden: ein Leck im Auspuff direkt nach dem Zylinderkopf. Nicht tragisch, einfach nur laut. Die Stössel klappern leider auch nach dem Einstellen noch immer wie zuvor.

Also, neue Zylinderköpfe müssen her. Da es schon spät war, sind wir wieder zum Обское море rausgefahren, um dort die Nacht zu verbringen. Die Ersatzteillogistik wollten wir am nächsten Tag organisieren. Da wussten wir aber noch nicht wie kompliziert Mutti Russland sich anstellen kann…

Am Обское море war unser Plätzchen von der vorheriger Nacht leider schon besetzt, so dass wir uns ein wenig daneben platzieren mussten. Zum Abendessen gab es leckeren Lachs vom Grill und Nudelsalat – das erste Mal seit langem, dass wir die Zeit und Musse hatten, etwas zu kochen. Und dann auch noch etwas anderes als Pasta mit Tomatensauce. Bevor wir zum Essen kamen, wurde Christian jedoch von unseren russischen Nachbarn zur Ausbesserung der Treppe, die an den See hinunterführte, eingespannt. Zusammen mit Sasch und Sergei „durfte“ er Sand schaufeln und Holzblöcke eingraben. Zum Dank gab es später Wodka, Tee und selbstgebackene Hotdogs.

L1070732

Christian hatte sich beim Treppenbau so gut angestellt, dass er nach unserem Lachs-Abendessen wieder helfen sollte. Diesmal beim „Fischen nach russischer Art“. Die vier Männer haben sich in die Fluten gestürzt und ein Stück vom Ufer entfernt zwei lange Fischernetze im See ausgebreitet. Am nächsten Morgen um 5 wollten die Russen sie wieder einholen (dann seien die Netze voller Fische). Natürlich wieder mit Christians Hilfe, ist ja klar! Christian war natürlich hellauf begeistert und voller Tatendrang :). Aber eigentlich hoffte er, dass sie uns dann doch nicht wecken würden…

GW0B1014

Später am Abend kam uns noch Aleksandar mit seiner Frau besuchen. Sie brachten uns frisches Gemüse aus ihrem Garten mit (das bekommt man hier sonst nur auf Märkten – in den Supermärkten ist das Gemüse selten frisch) Ausserdem haben sie uns selbstgemachte Gefüllte Weinblätter geschenkt – lecker! Bis um halb drei haben wir uns bei Wodka und Bier mit Aleksandar und seiner Frau sowie mit einem unserer Zeltnachbarn unterhalten. Unser Zeltnachbar hat uns dabei unsere Landkarte neu beschriftet und alle schönen Orte von Novosibirsk bis Wladiwostok eingekreist.

Am nächsten Morgen – zum Glück nicht um fünf, sondern erst um halb acht – polterte es dann ans Büssli. „Ryba, Ryba“ („Fisch, Fisch“), wurde gerufen und wieder geklopft. Bald war klar, dass Christian wohl zum Dienst antreten musste. Also, auf in die Badehose und ins kühle Nass. Mit einer Luftmatratze bewaffnet, schwammen die drei Herren (der Vierte, unser nächtlicher Besucher, schlummerte noch tief und fest in seinem Zelt) Richtung Netze und siehe da: Die Netze waren tatsächlich voll mit Fischen. Mindestens drei verschiedene Sorten (vermutlich Egli, kleine Hechte und sonst noch etwas Forellenähnliches) von 5 bis 30 cm Länge und etwa 20 Stück pro Netz. Nachdem alles auf die Luftmatratze geladen war, wurde diese samt Fischen das steile Ufer hinaufgehievt. Die russischen Fischerkollegen sprachen dann schon wieder von Wodka, aber Christian lehnte dankend ab und legte sich nochmals aufs Ohr. Der gestrige Abend war lang…

L1070740

 

Flucht aus Almaty

Irgendwie und mit Hilfe des neuen Dichtungssatzes aus der Schweiz haben sie bei der VW-Werkstatt in Almaty unser Büssli wieder einigermassen „flott“ gekriegt. Es läuft zwar nicht so wie gewohnt – die Hydrostössel klappern und der Motor dröhnt lauter als normal -, aber wir mussten Kasachstan wegen des ablaufenden Visums verlassen. Es scheint doch viel schwieriger zu sein, eine Werkstatt zu finden, die rein mechanische Boxermotoren reparieren kann als eine, die sich mit neuen Autos mit viel Elektrokram drin auskennt.

Von der Werkstatt aus fuhren wir zum Hostel und beluden unser Büssli wieder mal von Neuem. Nach der Erfahrung der vorigen Abfahrt aus Almaty waren wir skeptisch und so richtige Freude kam nicht auf. Auch wegen der rund 1800 km, die wir innerhalb von 3 Tagen über kasachische Strassen fahren mussten. Nachdem alles eingeladen war und wir uns von unserer super lieben Hostel-„Mama“ verabschiedet hatten, ging es los durch den Abendverkehr von Almaty. Zwei Stunden später nach viel Gedränge, Gehupe und dichten Abgaswolken fuhren wir endlich auf der M36 Richtung Astana. Gemäss Recherche sei dies die Strasse, auf der wir am schnellsten nach Russland kommen sollten. Der Zustand reichte dann auch von passabler Landstrasse bis zu neuer, sechsspuriger Autobahn. Wir verbrachten zwei Tage mit je bis zu 14 Stunden Büssli-Fahren. Den quietsch-türkisfarbenen Balkash-See haben wir leider nur von weitem gesehen. Langsam veränderte sich die Landschaft: aus Steppe wurden grüne Wiesen, aus grünen Wiesen Sumpflandschaften mit kleinen Birkenwäldchen. Pünktlich am 5.6., dem Ablauftag unseres Visums, erreichten wir die kasachische Grenze. Die Ausreise aus Kasachstan und die Einreise nach Russland liefen glücklicherweise schnell und unkompliziert.

L1070677

Das Problem mit dem Rauch/Dampf beim Warmstart haben wir leider noch immer. Es kommt etwas weniger aus dem Auspuff als vor der Reparatur, aber ein Leck zwischen Wasserkreislauf und Zylinder ist scheinbar immer noch da. Wir sind langsam wirklich ratlos. Eine Fahrt durch die Mongolei kommt so nicht in Frage, darum wollen wir in Novosibirsk nochmal einen Reparaturversuch starten. Die Frage ist nur, in welcher Werkstatt?!?! Wenn es nicht mal eine offizielle VW-Werkstatt schafft…

Noch ist uns das Lachen nicht vergangen… 😉

 

WP_20140705_011-2

Noch immer Almaty

Nach bangem Warten ist das Paket mit den Ersatzteilen am Donnerstag endlich in Almaty eingetroffen. Doch hier in Almaty liefert UPS die Pakete nicht aus, nein, man muss sie am Flughafen abholen, wenn man sie innerhalb einer nützlichen Frist erhalten will. Also haben wir uns mit einer Adresse und einer Telefonnummer bewaffnet und ein Taxi bestellt. Bei den sogenannten Temporären Lagerhallen – quasi im Hinterhof des Flughafens – machten wir uns auf die Suche nach unserem Paket. Nach einiger Zeit fanden wir Yevgeny, unseren UPS-Kontaktmann. Durch eine Passkontrolle ging es für Christian in den Zollfreibereich. Dort musste er wieder mal das von den Grenzübertritten bekannte Zollformular ausfüllen und dem Zöllner erklären, was genau in unserem Paket ist. Mit dem Formular und einem Stempel darauf ging es weiter zum Lager von UPS. Leider hatte Yevgeny den Schlüssel zum Lagerraum verloren. Naja, dann halt mit Gewalt: Die Tür wurde „nach kasachischer Art“ einfach aufgebrochen… Und da lag es auch schon: zwischen vielen anderen Paketen lachte Christian das ersehnte Paket mit den Ersatzteilen an. Auf dem Weg nach draussen musste Christian das Zollformular wieder abgeben und bekam ein neues Formular, für das es bei der Zollverwaltung nochmals ein Stempel gab. Dann ging es Richtung Ausgang, wo er das neue Formular wieder abgeben konnte und das Paket nun offiziell in Kasachstan eingereist war.
Sofort machten wir uns zur VW-Werkstatt aus, wo die Dichtungen erfreut und auch ein wenig erstaunt entgegengenommen wurden. Vermutlich hatten sie nicht geglaubt, dass wir in so kurzer Zeit gute Dichtungen organisieren könnten. Den Motor hatten die Mechaniker bereits ausgebaut und auf der Werkbank parat für weitere „chirurgische Eingriffe“ aufgebahrt.

Am Samstag schauten wir wieder bei der VW-Werkstatt vorbei, um den Stand der Arbeiten herauszufinden. Wir haben erfahren, was die Ursache der  Motorenprobleme nach der „Reparatur“ in der Chaoten-Werkstatt war: Nicht ein minderwertiger Dichtsatz war der Übeltäter, sondern zwei beim Zusammenbau des Motors vergessene O-Ringe. Eigentlich würden wir von der Chaoten-Werkstatt gerne unser Geld zurückverlangen oder ihnen zumindest sagen, wie schlecht sie ihre Arbeit gemacht haben… Die Sprachbarriere macht das allerdings sehr kompliziert. Naja, mal sehen, wir haben ja noch zwei Tage Zeit bis unser Büssli wieder fahrbereit ist. Vielleicht finden wir auch noch eine Lösung für dieses Problem…

Bild

 

Mittlerweile haben wir es übrigens doch geschafft, zwei Sehenswürdigkeiten von Almaty anzuschauen. Dank Igor, dem deutschsprachigen VW-Mitarbeiter! Er hat uns zusammen mit seiner Familie zu einem abendlichen Ausflug zum Medeu-Eisstadion und auf den Kök-Töbe eingeladen. Das Medeu-Eisstadion ist das zweithöchstgelegenste Eisstadion der Welt. Im Sommer ist es nicht in Betrieb, dafür hat die tolle Aussicht von dort aber das ganze Jahr geöffnet. Der Kök-Töbe ist quasi der Hausberg von Almaty (mit Fernsehturm), auf den man mit einer Gondelbahn fährt. Man könnte auch per Auto hochfahren, aber das wäre natürlich nicht so spektakulär. Auf dem Kök-Töbe haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht und dabei das bunt-leuchtende „Entertainment“ bestaunt: Restaurants, Autoscooter, Sommerrodelbahn, Mini-Zoo, Apfel- (das Wahrzeichen von Almaty) und Beatles-Statuen. Das Beste war aber die Aussicht über das in der Nacht funkelnde Almaty oberhalb der Smog-Wolke. …Und die weissen Baby-Ziegen im Zoo 🙂 …

WP_20140626_21_53_48_Pro WP_20140626_20_31_17_Pro

Sharyn Canyon und Bärenfall

Im Südwesten von Kasachstan hat der Fluss Sharyn einen beeindruckenden Canyon in die rötlichen Felsen gefressen. Den wollten wir sehen und sind auf dem Weg nach Almaty in eine holprige Sandpiste, die zum Canyon führte, abgebogen. Nach etwa 10 km kamen wir am Wärterhäuschen an, weckten den Wärter (Tschuldigung nochmal!), zahlten etwa 7.50 CHF und fuhren auf den Parkplatz. In einer Seitenschlucht liefen wir zum Sharyn Canyon.

GW0B0902

Sharyn Canyon

GW0B0903

Sharyn Canyon

Am Sharyn Canyon wurde gerade ein neues Strohhütten-Touristendorf im hawaiianischen Stil aufgebaut. Daneben ein paar Jurten. Und Zelte. Die Zeltbewohner hatten sich am Fluss zum Kochen und Essen versammelt. Später haben wir erfahren, dass es sich dabei um Geographie-Studenten (plus Professor) auf 1.-Semester-Exkursion handelte. Wir haben uns mit ein paar Studentinnen auf Englisch unterhalten und mit einer Studentin (Maral) sogar auf deutsch. Wir waren ganz begeistert, dass wir mit einer Kasachin fliessend auf deutsch reden konnten und haben die Chance genutzt, sie ganz viele Sachen über Kasachstan zu fragen. Wir wurden dann sogar noch zum (Nach-) Mittagessen eingeladen! Anschliessend hat uns der Prof angeboten, dass wir mit ihnen an ihren nächsten Übernachtungsorte im Turgen-Tal fahren könnten. Das haben wir natürlich sehr gerne angenommen und sind, nachdem wir zusammen mit den Studenten wieder aus dem Canyon geklettert sind, mit dem Büssli hinter ihrem Reisebus hergefahren.

GW0B0906

Maral – die Deutsch-Expertin


Gegen 20 Uhr sind wir im Turgen-Tal an einer kleinen Wiese an einem Fluss angekommen. Die Jungs haben ihre Zelte aufgestellt, während die Mädels angefangen haben zu kochen. Sie wollten später lieber im Reisebus übernachten, weil es dort wärmer sei. Wir wurden dann auch noch zum Abendessen eingeladen! Es gab Plov (Reis mit Hühnchen und Gemüse, ein usbekisches Gericht) – auf offenem Feuer im Kazan (grosser Topf) gekocht. Mega lecker! Gegessen haben wir allerdings erst um etwa halb Zwölf in der Nacht, weil die Exkursion im Zeitplan etwas hinterherhinkte. Die meisten der frierenden Studentinnen haben sich deshalb auch nur schnell ein paar Gabeln Plov hineingeschaufelt und sind dann schnell im Bus verschwunden.

Bei einem Schweizer Bier, das der Professor aufgrund der anwesenden Studenten „versteckt“ trinken musste, haben wir noch einige Zeit über Religionen und Staatssysteme philosophiert, meistens mit Hilfe der Übersetzung von Maral. Es sind einmalige Einblicke, die man bei solchen Diskussionen gewinnen kann und sie helfen, das Land und seine Bewohner besser zu verstehen.

L1070529

Der Professor – unser Gastgeber

L1070525

Frühstücksbüffet neben dem Büssli

Am nächsten Morgen sind wir der Anleitung vom Geographie-Prof (übrigens auch ein grosser Fussballfan) gefolgt und haben so zum Bärenfall-Wasserfall, den man im Turgen-Tal nach einer kurzen Wanderung erreicht, gefunden. Es gab noch einen grösseren Wasserfall, zu dem wir auch noch hätten wandern können, aber wir haben ihn ausgelassen. Der Grund war vor allem, dass wir uns etwas Sorgen um unser Büssli gemacht haben. Am Abend zuvor kamen beim Warmstart weisse Rauchschwaden aus dem Auspuff. Genau das ist uns schon mal vor zwei Jahren passiert – damals ist das Problem allerdings wieder von alleine verschwunden. Jetzt hatten uns schon mehrere Leute darauf angesprochen, dass etwas mit unserem Auto nicht stimme; dass es rauche und dass das Abgas nach Wasser riechen würde und so… Wir wollten aber noch bis Almaty fahren (es war ja nicht mehr weit) und erst dann eine Werkstatt suchen.

 

Von Ysyk-Köl nach Kasachstan

 

Nach einer sehr ruhigen Nacht am Ysyk-Köl See war es an der Zeit uns von Kirgistan zu verabschieden. Unsere Route führte ostwärts durch das Tüp-Tal hoch Richtung kasachische Grenze. Noch ein letztes Mal durchquerten wir malerische Bergtäler wie sie schöner in der Schweiz nicht zu finden wären. Grüne Wiesen mit Kühen und Jurten, Förenwälder an den Hängen und weisse Berggipfel dahinter. Wir fühlten uns fast wie zu Hause. Nur der Kontrollposten einige Kilometer vor der Grenze war dann ganz und gar unschweizerisch. Ein jüngerer Herr in Kampfanzug jedoch ohne Waffe nahm uns in Empfang. Die Art wie er den Kampfanzug trug, liess uns stark daran zweifeln, ob wir uns hier an einem echten Kontrollposten befanden. Er verwies Christian zu „Customs“, einem Auto unweit der Schranke. Das Zollhäuschen selbst war nämlich gar kein Zollhäuschen, sondern ein kleiner Laden.  Im Auto sass ein rundlicher Herr mit bekleckerter Uniform. Christian überreichte im die Papiere, die er nach genauer Musterung für fehlerhaft hielt und mehrmals „Problem“ wiederholte. Auf dem Formular stand kein Vatersname. Da in meinem Pass auch kein Vatersname steht war das auch nicht weiter verwunderlich… Der Zöllner im Kampfanzug stellte sich neben mich und zeigte mir eine Zündholzschachtel. Als er die Schachtel aufschob stand auf dem Boden der Schachtel 20 $. Ah, jetzt war definitiv klar, worauf die beiden hinaus wollten. Christians Russischkenntnisse beschränkten sich von nun an auf „нет“; Bakschisch haben wir bis jetzt nicht bezahlt und werden wir auch in Zukunft nicht. Als nächstes Stand die Durchsuchung des Büsslis an. Eigentlich suchten sie weder nach Drogen oder anderen illegalen Gütern, sondern einfach nach etwas, das ihnen gefiel. Nach einigen Minuten begnügten sie sich mit zwei Büchsen Red Bull (die wir sogar in Kasachstan gekauft hatten – also nichts Spezielles eigentlich) und liessen uns passieren. Ob wir wirklich einen offiziellen Kontrollposten passiert haben oder nicht, haben wir nicht herausgefunden. Nach weiteren 30 Kilometern sind wir dann am richtigen Zoll angekommen.

L1070489

Die Ausreise aus Kirgistan war sehr unkompliziert. Natürlich wurde wieder unser Büssli inspiziert, aber wie immer mehr aus Neugierde an der Technik. Die Zollpapiere waren natürlich korrekt, auch ohne Vatersnamen… und zum Schluss benötigten wir noch den Ausreisestempel. Leider war der Einreisestempel in Christians Pass nur sehr schwach sichtbar, was den Zöllner ein wenig misstrauisch machte. Mit Lupe und Lampe fanden wir dann jedoch den Stempel auf der letzten Seite und der Zöllner war zufrieden und auch vermutlich auch erleichtert (Fehlende Stempel bedeuten auch für Zöllner viel Arbeit). Den Ausreisestempel testete er dann extra auf einem Stück Papier – vermutlich wollte er zeigen, dass die kirgisischen Zollstationen auch schöne Stempel machen können. Trotzdem wurde der Stempel im Pass wieder schlecht sichtbar, was der Zöllner mit einem Grinsen und „паспорт не работает“ („Pass funktioniert nicht“) kommentierte.

Dann ging es an die Einreise nach Kasachstan. Hier trafen wir bei den Zöllnern auf wahre Fussballfans. Wir erfuhren, dass Murat Yakin bald Spartak Moskau trainieren und die Schweiz gegen Argentinien verlieren würde und dass man sogar in der hintersten Ecke von Kasachstan schweizerische Mannschaften wie FCB, FCZ oder Grasshoppers (klingt sehr lustig auf Russisch) kennt. Nachdem unser Büssli auch noch von unten angeschaut wurde und wir im Besitz aller notwenigen Dokumente waren, durften wir nach Kasachstan einreisen.

GW0B0831

 

 

Von Kochkor zum Ysyk-Köl See – eine sandige Angelegenheit

Mittlerweile waren es fünf Tage ohne Dusche. Unsere Dusche auf dem Dach war zwar gefüllt, aber die Kälte und/oder der Regen liessen keine Freiluft-Duschstimmung aufkommen. Wonach wir uns sehnten, war ein ruhiges Plätzchen an sauberem und nicht allzu kaltem Gewässer mit Sonnenschein. Wir beschlossen, an einen Salzsee, der uns als Übernachtungsplatz empfohlen worden war, zu fahren. Er lag ganz in der Nähe vom Südufer des Ysyk-Köl Sees und war über eine Sandpiste, die von der Hauptstrasse abzweigte, zu erreichen. Am Anfang der Sandpiste stand mitten auf dem Strässchen ein Schild „Anreise verboten“, vor dem wir unschlüssig stehenblieben. Kurz darauf überholte uns ein Audi und schlängelte sich am Verbotsschild vorbei. Na dann – hinterher. Die Piste war ein wenig holprig, aber schien ansonsten ganz solide. Bis zum Salzsee sollten es noch ca. 8 km sein. Wir fuhren hinter dem Audi bis er vor einem sandigen, aufgewühlten Strassenabschnitt stehenblieb. Bauarbeiten. Der Audifahrer stellte fest, dass der Baggerfahrer der Baustelle gerade Mittagspause machte, aber anschliessend den Strassenabschnitt plattfahren würde, so dass wir passieren könnten. So war es dann auch. Die Passage war allerdings trotz Bagger-Plättung immer noch recht sandig und bracht das Büssli zum Schlingern. Aber wir kamen durch und fuhren weiter. Ein Stück weiter wurden 250 Som (ca. 5 CHF) für die Zufahrt zum See von uns einkassiert und der Kassierer beteuerte, dass die Strasse jetzt besser werden würde. Pustekuchen! (oder besser „Sandkuchen!“) Etwa 50 m weiter kam wieder ein sandiger Abschnitt. Diesmal schlingerte das Büssli nicht nur, sondern blieb vollends stecken. So’n Mist… Zum Glück waren nicht weit vom Kassenhäuschen entfernt, so dass wir Verstärkung holen konnten. Fünf Männer bewaffnet mit Schaufeln kamen zur Hilfe. Sie legten Steine an die Reifen und gemeinsam schoben wir das Büssli „aus dem Dreck“. Noch heute Nacht werde der Abschnitt vom Bagger befestigt, hiess es. Also gut, wir hofften das Beste für die Rückfahrt am nächsten Tag. Heute aber ging es erstmal zum Salzsee. Nach weiteren 3 km auf steiniger, fester Piste waren wir angekommen. Die Besatzung des Audis planschte schon im Wasser. Also rein in die Badesachen, ab in den See und dann unter der Büsslidusche endlich wieder richtig sauber werden. Schööön! Nach der Dusche liefen wir zum Süsswassersee Ysyk-Köl rüber und wuschen ein paar unserer Klamotten.

L1070405

Die Nacht am Salzsee war ruhig und friedlich. Am Morgen wurden wir von der Sonne und dem Geschnatter von Enten und ihren Küken geweckt. Am liebsten wären wir an diesem schönen Ort geblieben, aber die sandige Rückfahrt lag uns im Magen und wir wollten sie hinter uns bringen. Wir fuhren zum Sandkistenabschnitt und versuchten es mit Schwung hindurch. Aber das Büssli schaffte nur einige Meter und steckte dann wieder fest. Wir holten die Sandbleche vom Dach. Da kam aber schon ein Kirgise mit zwei Brettern angelaufen und wollte uns helfen. Er hielt nichts von den Sandblechen und schob die Bretter an die Büssliräder. Doch trotz Bretter und Anschieben grub sich das Büssli nur noch weiter ein. Der Kirgise schlug vor, das Büssli mit dem Wagenheber anzuheben, damit wir eins der Bretter unter das Rad schieben konnten. Gesagt, getan. Und es funktionierte! Ganze 2 m. …dann war das Brett zu Ende und das Rad wieder im Sand eingegraben. Also das Spielchen wieder von vorn, diesmal ohne Wagenheber. Wieder 2 m weiter. Das Ganze noch weitere zwei Mal und das Büssli war wieder frei! Zum Schluss noch alle Utensilien eingesammelt und dem Büssli hinterhergetragen, uns mit Bier und Zigaretten beim hilfsbereiten Kirgisen bedankt und zurück ging’s zur Teerstrasse. Den Rest der Piste haben wir glücklicherweise ohne Steckenbleiben bewältigt. Diese Nacht stehen wir auf fester Wiese ganz nah am Ysyk-Köl See und freuen uns auf ein morgendliches Bad im kühlen See.

L1070416

 

 

Von Tasch Rabat nach Kochkor

Der nächste Morgen hielt eine kalte Überraschung für uns bereit. Über Nacht wurde aus dem feinen Nieselregen vom Vorabend Schnee. Die Hänge waren weiss und auch unser Büssli hatte ein weisses Häubchen. Die Aussentemperatur lag knapp über Null und im Büssli war es nicht viel wärmer. Also ein schnelles Frühstück, dann Motor und Heizung an und wieder gut 1000 m hinunter und gut 10°C rauf in Richtung Naryn. Kurz vor Naryn mussten wir wie auch schon auf dem Weg nach Tasch Rabat wieder über mehrere matschige Strassenabschnitte. Diesmal glücklicherweise bergab. Trotzdem kamen wir nicht weit: Ein LKW, der bergauf gefahren ist, war wohl kurz vorher auf dem roten glitschigen Matsch ins Schlingern gekommen und stand nur quer auf der Strasse. Seine Vorderräder hatten sich im Matschhügel am Rand der Strasse eingegraben.

WP_20140608_10_23_44_Pro

Wir stiegen aus, um zu schauen, was zu tun ist. Jeder Schritt auf dem roten Matsch hat uns fast die Schuhe ausgezogen. Nach ein paar Schritten klebte eine dicke Schicht unter unseren Schuhen. Ja, kein Wunder, dass sie daraus Häuser bauen! Hinterm Büssli kamen nach und nach mehr Autos an und drängelten sich vorbei, da sie dachten sie würden schon irgendwie am LKW vorbeikommen. Und dann startete ein Audi einen Versuch an dem hinteren LKW-Ende vorbei durch die Matschböschung zu fahren. Er blieb stecken und musste mit Hilfe anderer Leute zurückgeschoben werden. Danach versuchte es ein Jeep. Mit mehreren Anläufen, Seitwärtsrutschen, Anschieben und Motorgeheul schaffte er es, den Matschhügel zu erklimmen und auf der anderen Seite vom LKW wieder auf die Strasse zu fahren. Das Eis war gebrochen und ein bergabwärts fahrendes Auto nach dem anderen mühte sich mit Hilfe der Anweisungen und Hilfe der umstehenden Leute durch den klebrigen Matsch. Anschliessend trauten sich auch ein paar bergaufwärts fahrende Fahrzeuge. Nicht alle schafften es; bei einem Minibus zersprang eine Seitenscheibe als er gegen den LKW rutschte. Wir haben eine ganze Weile abgewartet, aber irgendwann mussten auch wir wohl oder übel da durch. Also wagte Christian das Abenteuer „Matschdurchquerung“: Mit Diff-Sperre, viel Büsslifahrer-Erfahrung und vereintem Anschieben hat es unsere Rakete ohne Schaden geschafft! Puuh! In Naryn haben wir dem Büssli eine dringend nötige Wäsche verpassen lassen. …Nur um kurz darauf auf der Strasse nach Kochkor wieder durch Schlammpfützen zu fahren… In Kochkor angekommen (ca. 100 km nördlich von Naryn), sah das Büssli wieder genauso verschlammt aus wie vorher. Naja, was soll’s… Gibt’s halt bald wieder eine Wäsche. In Kochkor haben wir Souvenirs und Lebensmittel eingekauft und anschliessend für die Nacht ein Plätzchen am Orto-Tokoy Wasserreservoir gefunden.

Vom Song-Köl nach Tasch Rabat

Nach einer regnerischen Nacht auf 3000 m haben wir uns von Jacob, der ins Tal zurück wandern wollte, verabschiedet und sind in Richtung Naryn losgefahren. Entlang dem Song-Köl fuhren wir ostwärts, wo gemäss Karte ein Weg ins Tal führen sollte. Doch unsere Fahrt wurde nach rund einer Stunde durch eine steil ansteigende schlammige Passage gestoppt. Auch mit Diff-Sperre war die Steigung nicht zu schaffen. Das Büssli konnte auf rund 3200 m nicht mehr genügend Kraft entwickeln und so mussten wir in einem waghalsigen Manöver wenden und die gleiche Strecke zurück fahren. Zwei Routen belieben nun noch offen: 1) der gleiche Weg, den wir zum Song-Köl gekommen sind oder 2) über den Moldo Ashuu, einen weiteren Pass auf 3346 m. Von einer Rückfahrt auf der gleichen Strecke wie auf dem Hinweg waren wir nicht begeistert, da wir nicht nochmal durch den Fluss und seine sumpfigen Ufer fahren wollten – erst recht nicht, nachdem es die Nacht zuvor so viel geregnet hatte. Beim Weg über den Moldo Ashuu waren wir nicht sicher, ob die Passage nach Naryn schon geöffnet ist (laut Reiseführer sollte die Strecke Naryn – Jalal-Abad erst Ende Juni öffnen). Ein Schäfer versicherte und aber, dass der Weg offen sei. Somit haben wir uns für den Moldo Ashuu entschieden. Die Fahrt über die in eine steile Bergwand gebaute Passstrasse (Serpentinen) war abenteuerlich und zeitraubend, aber mit einer spektakulären Aussicht. Nach rund drei Stunden sind wir mit der nun „Braunen Rakete“ in Naryn eingetroffen.

IMG_6771

Von Naryn aus fuhren wir weiter nach Südwesten Richtung chinesische Grenze. Unser Ziel: „Tasch Rabat“ – der südlichste Punkt unserer Reise. Gemäss unserer Informationen sollte die Strasse in einem sehr guten Zustand sein. Doch kurz nach Naryn wurde aus der Strasse ein einziger Schlammpfad. Bergauf spulten die Lastwagen und Autos lehmige Rampen hoch und bergab rutschten sie in den Schlammspuren. Was auf einer solchen Piste alles passieren kann, sollten wir am nächsten Tag noch erfahren…
Kurz hinter der Schlammpassage kam dann jedoch die versprochene perfekte Teer-Strasse und wir konnten endlich wieder mal den 4 und 5 Gang unserer Blauen Rakete nutzen. Die Kulisse war phänomenal. Die Strasse führte über ein riesiges, flaches Tal; rechts von uns rot-sandige Berge, die über die Jahre hinweg von Wind und Wetter geformt worden waren; links von uns in Gewitterwolken verborgene 4000er. Blitze entluden sich an den Bergflanken und graue Regenschauer verschleierten die Hänge.
IMG_6825

Über einen kleinen Pfad, der von der Hauptstrasse abbog, erreichten wir Tasch Rabat auf rund 3000 m Höhe. Für 200 Som Eintritt durften wir auf das Gelände fahren und die 500 – 1000 Jahre alte (man ist sich wohl nicht so einig…) Karawanserei besichtigen. Ein grosser Bau aus Stein mit einer zentralen Kuppel. Leider war nirgends beschrieben, wozu die verschiedenen Räume damals verwendet wurden. Es gab auch niemanden, den wir hätten fragen können. Und so liessen wir unserer Phantasie freien Lauf und stellten uns vor, wie hier die Händler der Karawanen auf Teppichen lagen, Beschbarmak assen und dazu Kymys tranken.
IMG_6850

GW0B0657

Am Abend wurde unser Büssli einmal mehr von Pferden, Schafen und Kühen belagert und aus der Ferne pfiffen die übergrossen kirgisischen Murmeltiere.