Die erste Palme

In weniger als vier Tagen sind wir von Tolyatti entlang der Wolga bis an den Fuss des Kaukasus gefahren. Wir waren ein wenig eingeschüchtert von den Reisewarnungen, die über den russischen Teil des Kaukasus auf den Internetseiten der auswärtigen Ämter zu finden waren. Doch aufgrund der vielen positiven Berichte von anderen Reisenden haben wir uns dann doch für eine zügige Fahrt durch den Kaukasus nach Georgien entschieden. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigte. Von Vladikavkas aus ging es über die alte Heerstrasse bergauf Richtung georgische Grenze. Schnell hatten wir die Grenze erreicht und erlebten die bis jetzt zügigste Ausreise aus Russland. Die Einreise nach Georgien verlief auch sehr unkompliziert und die Grenzbeamten waren äusserst freundlich. Sie drückten sogar beide Augen zu und liessen uns das Benzin in unseren Reservekanistern einführen, obwohl es eigentlich nicht erlaubt war.

Durch enge, spektakuläre Schluchten, dunkle Tunnels und Galerien, durch malerische Dörfer und über grüne Hügel fuhren wir zum Kreuz-Pass und weiter durch ebenso enge Täler Richtung Tbilisi. Alte Kirchen und Burgen am Strassenrand erzählen von der strategischen Bedeutung dieser Region in der Vergangenheit.

Nach den heissen Tagen entlang der Wolga genossen wir das kühlere Gebirgsklima und freuten uns auf einen mückenfreien Abend, an dem wir mit weit geöffneten Türen unser Büssli auskühlen lassen könnten. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz trafen wir auf zwei amerikanische Radfahrer, die ihr Zelt an einem sehr hübschen Ort am Bach aufgestellt hatten. Leider war die Zufahrt für unser Büssli nicht geeignet und wir mussten uns talabwärts ein anderes Plätzchen am Bach suchen. Die Radfahrer haben wir am nächsten Tag im Hostel in Tbilisi wieder getroffen.

In Tbilisi verbrachten wir zwei Nächte im Hostel „Why not“, um unseren unterwegs angewachsenen Wäschehaufen abzubauen und uns die Stadt anzusehen. Tbilisi ist eine sehr spannende Stadt, in der es viel zu entdecken gibt (vor allem im Vergleich zu den eher eintönigen russischen Städten). Das südliche Flair – inklusive Palmen! – ist hier deutlich spürbar. Wir fuhren mit der Seilbahn zur Festung Nerikala und genossen die wunderschöne Aussicht auf die Altstadt von Tbilisi. Am zweiten Abend nahmen wir ein Taxi für eine Fahrt auf den Mtazminda Berg. Der Taxifahrer entpuppte sich leider als leidenschaftlicher Rennfahrer, bei dessen wahnsinnigen Überholmanövern und quietschenden Kurvenfahrten uns fast schlecht wurde (vor allem, weil die Sicherheitsgurte nicht funktionierten). Auf unsere ziemlich harschen Worte hin zügelte er dann zumindest die letzten paar Meter der Fahrt seine Pferdchen und fuhr uns gesittet an unser Ziel: Der Vergnügungs- und Erholungspark Mtazminda. In dem grossen Park mit Achterbahn, Riesenrad, Geisterbahn und viel Grün gab es fast mehr Sicherheitskräfte als Besucher. Insgesamt wirkte der Park recht ausgestorben, so dass viele Karussells stillstanden und gelangweilt vor sich hin blinkten. Das Ganze wirkte eher surreal. Es gab jedoch noch ein sehr hübsches Restaurant, auf dessen Terrasse wir mit einem unglaublich schönen Ausblick über die in der Dämmerung liegende Altstadt von Tbilisi gegessen haben. Gleich neben dem Restaurant konnten wir in die Standseilbahn einsteigen, die uns wieder zurück in die Stadt brachte.

In Tbilisi war es extrem heiss und wir wollten weiter ans Meer. Wir fuhren entlang der Hauptverkehrsachse Richtung Westen nach Poti. Unterwegs schauten wir uns noch eins der unzähligen Kloster und eine alte Höhlensiedlung an. Am Schwarzen Meer angekommen, erwarteten uns leider keine Traumstrände, sondern Müllberge. Ähnliches kannten wir schon von einer früheren Reise an die rumänischen Stränden an der Westküste des Schwarzen Meers . Wir hielten uns also nicht lange auf und fuhren weiter nach Süden in Richtung türkische Grenze. Hier zeigte Georgien seine wilde Naturschönheit mit urwaldähnlichen Gebieten, Eukalyptusbäumen und Bambus.

Eigentlich hat uns Georgien sehr gut gefallen. Der erste Eindruck im Kaukasus war atemberaubend schön und Tbilisi ein bunter, fröhlicher Kontrast zu den vorigen Städten auf unserer Reise. Es gab jedoch ein paar Dinge, die unserer Georgien-Erfahrung einen schlechten Beigeschmack gegeben haben: Uns wurden uns in Tbilisi die Sandbleche vom Dach weg geklaut – und das nicht gerade sanft – und an einer Tankstelle haben sie uns einen falschen und um einiges höheren Betrag untergejubelt (die Anzeige der getankten Liter war zuuufällig schon gelöscht und es stand nur noch ein utopischer zu zahlender Betrag angeschrieben). So etwas in der Art ist uns In keinem der anderen Länder passiert.

Über den Ural

Vom Ural hat jeder schon gehört: „Grenze zwischen Europa und Asien“, „das Tor zu Sibirien“ und „dahinter endet die Zivilisation“. Nun, dass Letzteres nicht ganz stimmt, haben wir schon festgestellt. Aber jetzt waren wir gespannt, wie es sein würde, diese magische Grenze zu überqueren und wieder – zumindest für kurze Zeit – auf europäischem Boden unterwegs zu sein.

Sanft beginnt er, der Ural, und wenn man nicht aufpasst, ist man schon durch, bevor man es gemerkt hat. Für einen Schweizer sind die sanften Hügel des Urals sicherlich kein Gebirge. Aber wenn man zuvor durch die westsibirische Tiefebene gefahren ist, freut man sich über ein wenig hügelige Abwechslung.

Unser Ziel im Ural war der Zyratkul National Park. Ein Naturpark rund um einen See welcher besonders schön sein sollte. Am See gibt es eine Art „Campingplatz“, auf dem wir die Nacht verbringen wollten. Nach kurzer Fahrt von der Hauptstrasse weg gelangten wir auch schon an den Parkeingang, wo wir den Eintritt von umgerechnet 1 CHF pro Person und Fahrzeug bezahlten. Im Park selbst gab es die nur Pisten. Also holperten wir rund 30 Minuten durch dichten Wald bergauf bis wir an den See gelangten. Auf der Suche nach einem guten Standplatz versenkten wir einmal mehr unser Büssli. Diesmal in der nassen und sumpfigen Wiese, aus der der Campingplatz hauptsächlich bestand. Nach einer kurzen Betrachtung unserer Versenkungskünste war klar, dass wir unsere Arbeit gut gemacht hatten und nicht so schnell wieder herauskommen würden. Unglücklich am Hang stehend, abwärts noch tieferer Schlamm, aufwärts auch mit Sperre kein Gripp, vom Reifenprofil dank Matsch nichts mehr zu sehen. Wir versuchten es mit Kies, Steinen und Ästen. Aber es half alles nicht. Also ein guter Zeitpunkt um unseren Hi-Lift-Seilzug auszuprobieren. Nachdem wir alle seine Bestandteile, die im ganzen Büssli verteilt verstaut waren, zusammengesucht hatten, bauten wir den Seilzug mehr oder weniger gemäss Anleitung zusammen. Doch irgendwie wollte es nicht klappen. Die Konstellation aus den zur Verfügung stehenden Bäumen und Seilen ging einfach nicht auf (wenn ihr uns fragt, funktioniert das eh nur im Hi-Lift-Werbevideo). Also packten wir den Hi-Lift wieder ein und setzten auf humane Hilfe: Wir fragten ein paar russische Camper, ob sie schieben helfen könnten. Mit vereinten Kräften hat die Blaue Rakete es wieder auf festen Boden geschafft und wir hatten eine neue russische Bekanntschaft gewonnen. Wir sollten doch noch auf ein Bier bei ihnen vorbeikommen. Natürlich haben wir die Einladung angenommen und sind, nachdem wir uns an einem trockenen und festen Plätzen eingerichtet hatten, mit ein Paar Büchsen deutschem Bier und Schokolade bewaffnet zu unseren Zeltnachbarn. Es waren zwei befreundete Pärchen (eins mit Sohn) in unserem Alter. Die beiden Männer hatten vermutlich schon einige Flaschen Bier getrunken und entsprechend heiter war die Stimmung. Es war recht lustig und wir wurden mit Kartoffelsuppe und Wassermelone abgefüllt. Nach den üblichen Themen driftete das Gespräch später dann immer mehr Richtung Politik ab. Keine gute Idee, vor allem nicht nach mehreren Litern Bier. Die Freundschaft kann bei diesem Thema sehr schnell aufhören und somit haben wir uns herzlich für Speis und Trank bedankt und uns in unser Büssli zurückgezogen.

Es war unsere erste Nacht zurück auf europäischem Boden.

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Samara und vor allem Tolyatti, der Heimat DES russischen Autos schlechthin, dem LADA. Gegenüber vom grossen Lada-Werk gibt es das Technische Museum, das wir besichtigen wollten. Für 200 Rubel (~5 CHF) gab es für uns beide ein Atom-U-Boot (wie auch immer sie den Koloss da hingebracht haben) und viele verschiedenste Militärfahrzeuge aus dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg zu sehen. Sogar eine richtige Tanja in Uniform konnten wir bewundern (Insider für die alten „Haasen“).

Besonders beeindruckt haben uns die riesigen, manchmal bis zu 10-achsigen Monsterlastwagen. Wir haben uns schon überlegt, wie man einen Campingausbau darauf bauen könnte. Mit so einem Ding müssten wir nie mehr auf schlechten Strassen fahren :-). Aber vermutlich wäre das Reisebudget nach einer Tankfüllung aufgebraucht…

Nach dem Museum machten wir uns auf Richtung Supermarkt. Unsere Vorräte mussten dringend wieder mal aufgefüllt werden. Was wir fanden war überwältigend: Ein richtiger, europäischer Supermarkt! Gestelle soweit das Auge reicht und vor allem die Auswahl… es überkam uns ein richtiger Kaufrausch und beim Einladen musste jeder Hohlraum der Blauen Rakete gefüllt werden, damit wir alles verstauen konnten.

Voll ausgerüstet ging es weiter und unser Kurs schwenkte von West nach Südwest, an der Wolga entlang Richtung Wolgograd. Bald heisst es „Bye bye, Russland!“.

 

Durch Russlands wilden Osten

Nachdem wir uns entschieden haben, nicht nach Wladiwostok, sondern über den Süden zurück in die Schweiz zu fahren, haben wir beim Büssli den 5. Gang eingelegt und sind über Irkutsk, Novosibirsk und Omsk im Eilzugtempo bis zum Ural gefahren. Die Landschaft war nicht allzu abwechslungsreich und uns schon bestens bekannt. Natürlich machten wir in Irkutsk noch einen Besuch bei Galina und in Novosibirsk schauten wir auch noch bei Vera vorbei.

Da es über diesen Abschnitt nicht viel zu berichten gibt, haben wir euch einfach ein paar Bilder zusammengestellt. Bilder von Russland, welche nicht gerade postkartentauglich sind aber dem entsprechen, was wir nebst den Touristenattraktionen halt täglich sehen. Die russische Seele 😉

 

Von Irkutsk nach Ulaanbaatar

Wir fuhren bergauf und bergab um die südliche Spitze des Baikalsees herum. Mit etwas Glück (wir haben gerade eben unter der Eisenbahnbrücke hindurchgepasst) und über ein sehr holprigen Weg haben wir ein recht schönes Plätzchen am See zwischen anderen russischen Campern gefunden. Zum Baden war es leider zu kalt, aber im Büssli konnten wir gemütlich Christians Geburtstag feiern. Ab und zu rumpelten die Züge ein paar Meter hinter uns vorbei, aber ansonsten war es ruhig.
Am nächsten Tag und ein paar Kilometer weiter am östlichen Ufer entlang öffnete sich die Landschaft und wurde mehr und mehr zur hügeligen Steppe. An Ulan-Ude sind wir vorbeigefahren, um dann in einem Föhrenwäldchen mit Blick auf den Gänsesee ganz idyllisch zu übernachten. Von dort aus war es nicht mehr allzu weit bis zur mongolischen Grenze. Glücklicherweise war am Grenzübergang nicht viel los. Lediglich das Einsammeln der vier obligatorischen Stempel bei der Einreise hat eine Weile gedauert: Da wurde von einem zum anderen Schalter verwiesen, auf stempelbefugte Leute gewartet, es wurden unsere Daten handschriftlich in Bücher eingetragen und ein wenig Geld verlangt. Vermutlich für das Desinfektionsbad (eine braune nach Chlor riechende Brühe), durch das das Büssli zuvor fahren musste. Am Ende mussten wir noch eine Autohaftpflichtversicherung kaufen und dann ging’s ab in die Mongolei. Auf der Strasse nach Ulaanbaatar gab es insgesamt drei kleine Mautstellen. Der Betrag war nicht hoch, aber ob das Geld wirklich in den lokalen Strassenbau fliesst…? Naja, die Strasse war für mongolische Verhältnisse gut (wenn auch nicht so dolle im Vergleich zu den russischen Strassen). Die erste Nacht in der Mongolei verbrachten wir auf einem Hügel am Rand der Strasse.

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Guesthouse. Im Oasis trafen wir auf die Luzerner Tobi und Franziska in einem alten Toyota Landcruiser, die Baseler Sebastian und Alina in einem Mercedes-Bus und den Deutschen Heiko im Unimog. Später kamen noch zwei Belgier von der Werkstatt nebenan zurück. Es war irgendwie beruhigend zu hören, dass alle  – manche mehr, manche weniger – von irgendwelchen Fahrzeugproblemen zu berichten hatten. Das ist wohl wirklich Teil des Abenteuers. Und ohne das hätte man ja auch viel weniger zu erzählen ;).
Dank der anderen wussten wir schnell, auf welchen Märkten wir uns auf die Suche nach einem Ersatzschlauch machen konnten. Dass wir nicht genau diesen s-förmigen VW-T3-Schlauch finden würden, war uns klar. Aber wir wollten entweder zwei rechtwinklige Schläuche mit dem richtigen Durchmesser finden (und diese dann mit einem Metallröhrchen verbinden) oder ein s-förmiges Aluminiumrohr schweissen lassen. Wir klapperten einen grossen Markt zu Fuss ab. Ohne Mongolischkenntnisse war das aber wirklich mühsam und wir wurden von einem Stand zum nächsten geschickt, ohne das passende Teil zu finden. Wir haben es auch in der offiziellen VW-Werkstatt versucht, aber auch die haben uns bloss auf einen der vielen Märkte geschickt. Ohne Erfolg. Auf einem weiteren Markt haben wir dann zwei Schläuche gefunden, die wir eventuell mit etwas Basteln verbauen könnten. Mittlerweile war es Sonntag. Am Montag sollte der japanische Mechaniker der Werkstatt neben dem Oasis wieder da sein. Da er gut sein sollte, wollten wir mit der Reparatur auf ihn warten.
Am Sonntagnachmittag trafen noch Sandra und Markus mit ihrer alten T2 im Oasis ein. Es war der letzte Tag der Basler im Oasis und in Ulaanbaatar und so feierten wir am Abend mit einem Fondue-Essen (gaaanz lieben Dank nochmal, dass ihr euer feines Fondue mit uns geteilt habt!!).

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Montagmittag war der japanische Mechaniker wieder da und tüftelte mit den vorhanden Materialien eine Lösung aus. Am Ende wurde es ein in etwa s-förmiger Schlauch mit zu grossem Durchmesser, in den der Mech einen anderen Schlauch hineinklebte, so dass der Innendurchmesser passte. Zu dritt haben wir dann den alten Schlauch ersetzt, Wasser aufgefüllt und den neuen Schlauch getestet. Es sieht nicht schlecht aus und den ersten Test hat der neue Schlauch bestanden.

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Irkutsk

Nach unserem Ausflug nach Olchon wollten wir uns Zeit nehmen, um Irkutsk anzuschauen. Die Altstadt von Irkutsk ist nicht besonders gross und somit gut in ein paar Stunden abzulaufen. Da Irkutsk auch zu Sowjetzeiten für Besucher offen war, ist es recht gut auf Touristen eingestellt. In vielen Restaurants gibt es englische Speisekarten, es gibt touristische Wegweiser auf Englisch und sogar einen mit einer grünen Linie markierten Stadtrundgang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Vor den Sehenswürdigkeiten stehen Schilder mit Infos auf Russisch und auf Englisch. Soviel Englisch haben wir noch in keiner russischen Stadt gesehen!

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Wenn Lenin das wüsste, er würd sich im Grab umdrehen…

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Typisches sibirisches Holzhaus.

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Ohne Worte

 

Unsere Hostel-Mama im „Mama Hostel“ sprach sogar Deutsch. Das Hostel war klein, gemütlich, zentral, aber trotzdem ruhig, in einem typisch sibirischen, alten Holzhaus; es gab eine verschmuste Katze und Hostel-Mama Galina hat uns verwöhnt und unsere Wäsche gewaschen. Am Morgen kamen acht deutsche Trans-Sib-Reisende an und Galina füllte uns alle mit Blinis ab, während wir lustig plauderten.

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Mama Hostel

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Schmusekatze vom Hostel

 

Olchon im Baikalsee

Wir hatten keine Ahnung, wann und wie oft die Fähre vom Festland nach Olchon fährt. Also machten wir uns auf gut Glück zum Fähranleger auf und reihten uns in die Schlange der wartenden Autos ein. Etwa 75 hatten wir vor uns. Doch leider passten immer nur etwa zwölf Autos auf die Fähre und sie fuhr nur einmal die Stunde. Naja, wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass die Uhren in Mittelasien langsamer ticken als in Mitteleuropa und ertrugen somit die sechs Stunden Wartezeit ohne grössere Ungeduldsanfälle. Die Überfahrt war umsonst und dauerte keine zehn Minuten.

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Schon von weitem haben wir gesehen, dass Olchon landschaftlich recht speziell ist. Es regnet nur wenig und dementsprechend karg ist die Landschaft. Auf der Westseite der Insel gibt es so gut wie keine Bäume und Sträucher, nur niedriges Gras und Schotter- bzw. Sandpisten. Dafür ist aber das Wasser auf dieser Seite „wärmer“, so dass auch Warmduscher wie wir sich – wenn auch fröstelnd – in den See begeben können. Ach ja, selbst für ein bisschen Wasserballett hat’s gereicht.

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Die vielen Touristen, die mit uns auf die Insel übergesetzt hatten, verteilten sich recht gut auf der Insel, so dass wir beim Übernachtungsplatz eher die Qual der Wahl hatten. Allerdings war es nicht so einfach, einen Platz zu finden, der einen Zugang zum Wasser und ein nicht einsehbares „stilles Örtchen“ bot… Aber letztendlich hatten wir einen guten Platz mit einer phänomenalen Aussicht.

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Wir sind knapp drei Tage auf Olchon geblieben. Es war schön, mal wieder eine längere Langstrecken-Fahrpause zu haben und sich für andere Dinge mehr Zeit zu nehmen. Zum Beispiel fürs Kochen (es gab Kaiserschmarrn mit von Hand geschlagenem Eischnee).

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Einmal quer durch Sibirien

Der Baikalsee rief uns und wir folgten seinem Ruf. In 3,5 Tagen sind wir durch die malerische Taiga, umrahmt von spektakulären Wetterkapriolen, von Novosibirsk nach Irkutsk gebraust.
Am ersten Tag regnete es eimerweise. Vor allem in den Städten war das Abwassersystem hoffnungslos überfordert (Gab es überhaupt eins? Wir haben keine Gullis gesehen…) und das Wasser stand teilweise 20 cm tief auf dem Asphalt oder rauschte in Sturzbächen an uns vorbei. Uns taten die russischen Fussgängerinnen in ihren Kleidchen und Stöckelschühchen Leid. Aber ehrlich gesagt war es auch ein bisschen lustig ;). Ach ja, und da Schadenfreude bekanntlich nicht ungestraft bleibt, tauchte wenig später unser schon aus einem früheren Spanien-Urlaub bekanntes Regenproblem auf: Der Motor schaltete ab. Der Motor liess sich zwar immer gleich wieder anstellen, aber nie lang, vor allem nicht im langsamen Stadtverkehr. So zündete Christian alle 50 m neu bis wir einen Parkplatz gefunden hatten. Dort liessen wir das Büssli eine gute halbe Stunde trocknen (es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen). Danach fuhren wir – immer noch nicht flüssig – weiter. Ausserhalb der Stadt ging’s dann wieder gut. Dort war auch nicht so viel Wasser auf der Strasse. Am Abend auf einer „Avtostajanka“ (Autorastplatz) machten wir einen Zündkabel-Check, indem wir im Dunkeln bei laufendem Motor Wasser auf die Zündkabel sprühten und nach Funken Ausschau hielten. Zu sehen war nichts, aber wir tauschten trotzdem mal alle Zündkabel aus – ein Versuch war es Wert. Gleich am nächsten Tag, der wieder extrem viel Regen brachte, konnten wir unsere „Reparatur“ testen. Und tatsächlich, der Motor hat nicht abgestellt. Vielleicht hatte ja eins der Kabel wirklich einen Knacks.

 

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Etwa 250 km vor Krasnojarsk haben wir den 18-jährigen Vlad, der mit seinem grossen Rucksack auch in Richtung Osten wollte, aufgegabelt. Vlad schien die vorige Nacht nicht viel Schlaf bekommen zu haben, denn er verschlief fast die ganze Fahrt. Vielleicht lag es an dem heftigen Gewitter, das im Moment fast jeden Abend über Sibirien tobt und im Zelt sicher nicht so angenehm ist wie im Büssli.
Etwa 150 km vor Krasnojarsk bemerkten wir, dass unser Büssli (mal wieder) Kühlwasser verliert und fanden einen undichten Schlauchübergang. Da es nur wenig Wasser war und die Stelle nur schlecht erreichbar war, drückten wir alle vier Daumen (Vlad hat ja geschlafen) und fuhren erstmal weiter.
In Krasnojarsk haben wir Vlad, der mittlerweile ausgeschlafen hatte, ausgeladen und uns auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz gemacht. Es hat sich aber mal wieder herausgestellt, dass das in und um Grossstädte herum gar nicht so einfach ist. Noch dazu ist die Gegend um Krasnojarsk am Enisej-Ufer sehr hügelig und somit ist fast jedes befahrbare Stückchen Land besiedelt. Am Ende haben wie die Hoffnung auf ein idyllisches Plätzchen aufgegeben und uns auf den Parkplatz an der „Talstation“ eines kleinen (Ski-)Lifts im Süden der Stadt am Rande des Nationalparks gestellt. Da die Strasse eine Sackgasse war und lediglich zum Lift führte, hatten wir mit einer ruhigen Nacht gerechnet. Aber leider fanden auch ein paar Motorradfahrer die wenig befahrene Strasse toll, um dort ihre nächtlichen Runden zu drehen…

 

 

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Nach einer kurzen Nacht fuhren wir weiter Richtung Irkutsk. Als wir auf dem Parkplatz eines kleinen Supermarkts in Nischneudinsk anhielten und einen kurzen, prüfenden Blick unters Büssli warfen, sahen wir einen deutlichen Kühlwasserfleck. Mist! Zum x-ten Mal räumten wir das Büssli hinten aus, um in den Motorraum schauen zu können. Diesmal leckte es an einer anderen Stelle – auch hier an einem Schlauchübergang. Naja, das sollte eigentlich auch in einer kleinen Dorfwerkstatt zu reparieren sein. Also suchten wir uns eine der in jedem Örtchen zahlreich vertretenen Werkstätten aus, die gerade noch einen Platz frei hatte. Die Werkstatt befand sich etwa 100 m vom örtlichen Ballungszentrum der Autoersatzteilhändler (auch von diesen gibt es in jedem Dorf so einige) entfernt. Sehr praktisch, denn zuerst mussten wir auf die Suche nach einem Ersatzschlauch gehen – der war nämlich an der Befestigungsstelle eingerissen. Einen Schlauch mit den passenden Biegungen an den richtigen Stellen gab es natürlich nicht und so wurde in der Werkstatt ein bisschen gezaubert (ein Teil neuer Schlauch, ein Teil alter Schlauch, ein Metallrohr und zwei Brieden – und …puff… das Ersatzteil war fertig). Nun musste nur noch das bei der Reparatur verlorengegangene Kühlwasser aufgefüllt werden. Keiner der sechs Ersatzteilehändler hatte ein VW-Antifreeze. Wahrscheinlich hätte auch eins der vorrätigen japanischen Antifreeze funktioniert, aber wir wollten keine Experimente eingehen und füllten somit nur mit Wasser auf – es fehlte ja nicht viel.
Weiter ging die Fahrt. Die nächste Nacht verbrachten wir zwischen LKWs, Plumpsklo und Zapfsäulen auf einem Rastplatz-Parkplatz. Am nächsten Morgen: Das Büssli tropfte fröhlich vor sich hin… an der reparierten Stelle. Wir zogen die Schrauben an den Brieden nach. Den nächsten Tag durch hat’s gehalten – drückt die Daumen, dass es auch weiter hält!

 

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Am gleichen Abend noch – wir haben es selbst fast nicht glauben können – sahen wir plötzlich den Baikalsee vor uns! Ein grosses Zwischenziel ist erreicht. Wir haben einen wunderschönen Stellplatz abseits der Strasse in einem lichten Förenwäldchen mit Sicht auf den See und umgeben von vielen kleinen Blumen gefunden und es uns für’s Erste gemütlich gemacht. Es sieht hier fast aus wie im Hochgebirge, obwohl wir nur auf 600 m sind. Morgen geht es dann weiter auf die Insel Ochlon.

 

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Novosibirsk – die 3. Motor-Reparatur

 

Nachdem wir mit sehr viel Aufwand und nach sehr langer Zeit endlich unser Paket mit den Ersatzteilen erhalten haben, sind wir natürlich so schnell wie möglich zur VW-Werkstatt gefahren. Sergei, der Spezialist auf alten Fahrzeugen, hatte ab Freitag Dienst. Da er selbst Besitzer eines T3 Transporter ist, waren wir sicher, dass unser Büssli in guten Händen ist. Die Mechaniker waren begeistert von der Qualität der Ersatzteile. Vermutlich haben sie uns nicht geglaubt, dass wir die Teile wirklich auftreiben können. Während des TNT-Express-Debakels haben allerdings auch wir daran gezweifelt, jemals unsere Ersatzteile zu erhalten.

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Während der Reparatur durfte Christian die ganze Zeit anwesend sein. Er wurde schon fast zu einem richtigen Mitarbeiter von der „Avtomir“-Werkstatt („Autowelt“-Werkstatt), inklusive Mittagessen in der Kantine. Sergei, der Manager (nicht zu verwechseln mit Sergei dem Mechaniker), hat für die Reparatur einen Tag veranschlagt. Das war schon ein wenig optimistisch, aber wir hatten nichts gegen optimistische Zeitangaben. Als erstes wurde der Motor ausgebaut. Bei unserem Fahrzeug eigentlich keine grosse Sache. Da haben die VW-Ingenieure ganze Arbeit geleistet. Auspuffanlage abschrauben, Motor von Getriebe abschrauben, die Motorhalterung lösen und schon kann er unten aus dem Fahrzeug genommen werden.

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Danach ging es an die Demontage der Zylinderköpfe und den Ausbau der Zylinder. Als alles auseinandergenommen war, konnten wir die Bastelarbeit der Werkstätten in Kasachstan erkennen. Einen Stehbolzen, der bei der Montage überdehnt worden war, hatten die VW-Mechaniker in Almaty aus normalem Stahl selber neu gefertigt. Ein Wunder, dass das Ganze gehalten hat… Den O-Ring an der Unterseite vom Zylinder hatte weder der Bastler Mischa noch die VW-Werkstatt in Almaty gewechselt. Der alte O-Ring war schon fast mit dem Zylinder Eins geworden und konnte vor lauter Gummipaste zuerst gar nicht gefunden werden. Der Zylinder 3 hatte schon ziemliche Riefen und Beschädigungen. Wie vermutet, war das Wasser in diesen Zylinder eingedrungen und hatte deutliche Spuren hinterlassen.

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Während all der Arbeiten konnte Christian immer wieder ein wenig helfen. Gleichzeitig war es auch eine gute Gelegenheit, das Arbeitsverhalten in einer russischen Werkstatt zu beobachten. Einige der vor allem jungen Mechaniker lagen die meiste Zeit in der Werkstatt rum oder spielten mit ihrem Handy. Zwischendurch schraubten sie sogar noch am eigenen Fahrzeug auf dem Parkplatz rum. Vermutlich werden die Mechaniker nur für die Stunden, die sie an einem Auto arbeiten, bezahlt. Und laut eines Verkaufsangestellten in der VW-Filiale würden die Mechaniker nur so viel arbeiten wie sie müssten. Also, entweder reichen ihnen schon wenige Arbeitsstunden um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren oder es gab nicht mehr Aufträge, die sie hätten übernehmen können.

Das Mittagessen fand in der betriebseigenen Kantine in einem kleinen Raum ohne Fenster statt. Für rund 150 Rubel (knapp 4 CHF) gab es ein in der Mikrowelle aufgewärmtes Essen, das weder gut aussah noch gut schmeckte. Unser Mechaniker Sergei hat sich für die Mittagspause gerade mal 15 Minuten Zeit genommen und ist dann sofort wieder an die Arbeit zurück.

Am Abend des ersten Tages hatten wir also den Motor demontiert und alles gereinigt. Mit der Montage der neuen Zylinderköpfe wollten wir am nächsten Morgen beginnen. Alexander, der einzige deutschsprechende Mitarbeiter von Avtomir (und eine sehr grosse Hilfe beim Übersetzen), chauffierte Christian in seinem Schiguli zurück ins Hostel.

Am nächsten Morgen ging es also mit der Montage der Zylinderköpfe weiter. Von den Stehbolzen konnten wir nur den in Almaty „erneuerten“ auswechseln. Die Restlichen liessen sich nicht lösen und aus Angst, ein Gewinde im Motorenblock zu zerstören, haben wir die Bolzen drinnen gelassen. Gegen Mittag konnten wir den Motor wieder einbauen und die Schläuche und Rohre des Kühlwasserkreislaufs zusammenbauen. Einige der Kühlmittelschläuche waren schon sehr alt und es war klar, dass diese nicht mehr ewig halten würden. Dass wir aber schon sehr bald Probleme mit ihnen bekommen würden, hatten wir jedoch nicht gedacht. Aber dazu mehr im nächsten Bericht.

Gegen neun Uhr abends konnte Christian dann endlich das Büssli aus der Werkstatt fahren. Der Motor klang wie neu, war er ja teilweise auch. Nach all der praktischen Motorenschulung kann Christian die nächste Motorenrevision wohl selber durchführen ;).