Über den Ural

Vom Ural hat jeder schon gehört: „Grenze zwischen Europa und Asien“, „das Tor zu Sibirien“ und „dahinter endet die Zivilisation“. Nun, dass Letzteres nicht ganz stimmt, haben wir schon festgestellt. Aber jetzt waren wir gespannt, wie es sein würde, diese magische Grenze zu überqueren und wieder – zumindest für kurze Zeit – auf europäischem Boden unterwegs zu sein.

Sanft beginnt er, der Ural, und wenn man nicht aufpasst, ist man schon durch, bevor man es gemerkt hat. Für einen Schweizer sind die sanften Hügel des Urals sicherlich kein Gebirge. Aber wenn man zuvor durch die westsibirische Tiefebene gefahren ist, freut man sich über ein wenig hügelige Abwechslung.

Unser Ziel im Ural war der Zyratkul National Park. Ein Naturpark rund um einen See welcher besonders schön sein sollte. Am See gibt es eine Art „Campingplatz“, auf dem wir die Nacht verbringen wollten. Nach kurzer Fahrt von der Hauptstrasse weg gelangten wir auch schon an den Parkeingang, wo wir den Eintritt von umgerechnet 1 CHF pro Person und Fahrzeug bezahlten. Im Park selbst gab es die nur Pisten. Also holperten wir rund 30 Minuten durch dichten Wald bergauf bis wir an den See gelangten. Auf der Suche nach einem guten Standplatz versenkten wir einmal mehr unser Büssli. Diesmal in der nassen und sumpfigen Wiese, aus der der Campingplatz hauptsächlich bestand. Nach einer kurzen Betrachtung unserer Versenkungskünste war klar, dass wir unsere Arbeit gut gemacht hatten und nicht so schnell wieder herauskommen würden. Unglücklich am Hang stehend, abwärts noch tieferer Schlamm, aufwärts auch mit Sperre kein Gripp, vom Reifenprofil dank Matsch nichts mehr zu sehen. Wir versuchten es mit Kies, Steinen und Ästen. Aber es half alles nicht. Also ein guter Zeitpunkt um unseren Hi-Lift-Seilzug auszuprobieren. Nachdem wir alle seine Bestandteile, die im ganzen Büssli verteilt verstaut waren, zusammengesucht hatten, bauten wir den Seilzug mehr oder weniger gemäss Anleitung zusammen. Doch irgendwie wollte es nicht klappen. Die Konstellation aus den zur Verfügung stehenden Bäumen und Seilen ging einfach nicht auf (wenn ihr uns fragt, funktioniert das eh nur im Hi-Lift-Werbevideo). Also packten wir den Hi-Lift wieder ein und setzten auf humane Hilfe: Wir fragten ein paar russische Camper, ob sie schieben helfen könnten. Mit vereinten Kräften hat die Blaue Rakete es wieder auf festen Boden geschafft und wir hatten eine neue russische Bekanntschaft gewonnen. Wir sollten doch noch auf ein Bier bei ihnen vorbeikommen. Natürlich haben wir die Einladung angenommen und sind, nachdem wir uns an einem trockenen und festen Plätzen eingerichtet hatten, mit ein Paar Büchsen deutschem Bier und Schokolade bewaffnet zu unseren Zeltnachbarn. Es waren zwei befreundete Pärchen (eins mit Sohn) in unserem Alter. Die beiden Männer hatten vermutlich schon einige Flaschen Bier getrunken und entsprechend heiter war die Stimmung. Es war recht lustig und wir wurden mit Kartoffelsuppe und Wassermelone abgefüllt. Nach den üblichen Themen driftete das Gespräch später dann immer mehr Richtung Politik ab. Keine gute Idee, vor allem nicht nach mehreren Litern Bier. Die Freundschaft kann bei diesem Thema sehr schnell aufhören und somit haben wir uns herzlich für Speis und Trank bedankt und uns in unser Büssli zurückgezogen.

Es war unsere erste Nacht zurück auf europäischem Boden.

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Samara und vor allem Tolyatti, der Heimat DES russischen Autos schlechthin, dem LADA. Gegenüber vom grossen Lada-Werk gibt es das Technische Museum, das wir besichtigen wollten. Für 200 Rubel (~5 CHF) gab es für uns beide ein Atom-U-Boot (wie auch immer sie den Koloss da hingebracht haben) und viele verschiedenste Militärfahrzeuge aus dem 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg zu sehen. Sogar eine richtige Tanja in Uniform konnten wir bewundern (Insider für die alten „Haasen“).

Besonders beeindruckt haben uns die riesigen, manchmal bis zu 10-achsigen Monsterlastwagen. Wir haben uns schon überlegt, wie man einen Campingausbau darauf bauen könnte. Mit so einem Ding müssten wir nie mehr auf schlechten Strassen fahren :-). Aber vermutlich wäre das Reisebudget nach einer Tankfüllung aufgebraucht…

Nach dem Museum machten wir uns auf Richtung Supermarkt. Unsere Vorräte mussten dringend wieder mal aufgefüllt werden. Was wir fanden war überwältigend: Ein richtiger, europäischer Supermarkt! Gestelle soweit das Auge reicht und vor allem die Auswahl… es überkam uns ein richtiger Kaufrausch und beim Einladen musste jeder Hohlraum der Blauen Rakete gefüllt werden, damit wir alles verstauen konnten.

Voll ausgerüstet ging es weiter und unser Kurs schwenkte von West nach Südwest, an der Wolga entlang Richtung Wolgograd. Bald heisst es „Bye bye, Russland!“.