Die Seidenstrasse von Turkistan nach Shymkent

Turkistan. Eine Stadt, die an sich anderen südkasachischen Städten ähnelt. Was sie aber von den anderen unterscheidet, ist das Hodscha Ahmad Yasawi Mausoleum. Es ist gigantisch!! Wahnsinn, was man Ende des 14. Jahrhunderts schon bauen konnte! Das Mausoleum wurde zum Gedenken an Hodscha Ahmad Yasawi gebaut. Yasawi lebte und wirkte in Turkistan. Er hat im 12. Jahrhundert den Koran für das „einfache Volk“ in Zentralasien verständlich übersetzt und gelehrt und somit den Islam verbreitet. Einen grossen Teil seines Lebens verbrachte er in einer halb unterirdischen Moschee neben dem heutigen Mausoleum. Heute ist das Mausoleum eine wichtige Pilgerstätte für Muslims – drei Pilgerreisen zum Mausoleum sind angeblich genauso viel wert wie eine Reise nach Mekka. Aus dem 14. Jahrhundert gibt es auf dem Gelände auch noch ein Badehaus bzw. Hamam für die damaligen Pilger. Mit Bodenheizung und Dampfbad!
Das Mausoleum und auch alle anderen Gebäude auf dem Gelände kann man sich von englischsprachigen, sehr kompetenten weiblichen Guides zeigen und erklären lassen. Nur zu empfehlen, wenn man sich für die Details interessiert!

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Auf unserer Weiterreise nach Shymkent haben wir noch einen kleinen Schlenker südlich der Hauptroute gemacht, um das Arystan Bab Mausoleum anzuschauen. Arystan Baba war der Lehrer von Yasawi. Wenn man allerdings vorher das Yassawi Mausoleum gesehen hat, wirkt das Arystan Bab Mausoleum recht unscheinbar. Man sollte die Besichtigungsreihenfolge wohl tauschen.

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Wir haben uns also nicht lange in der sengenden Nachmittagshitze aufgehalten (ein weitere mögliche Sehenswürdigkeit, die Ruinen von Otrar, war zu dieser Zeit für Besichtigungen geschlossen) und sind, nach einer Übernachtung am Feldrand, weiter nach Shymkent gefahren.

 

 

 

Von Qamystybas nach Turkistan

Nach der vergeblichen Suche nach dem Aralsee wollten wir doch noch ein wenig Wasser sehen. Zum Glück gibt es nicht weit von Aral einen grossen Süsswassersee, den See Qamystybas. Am Ufer dieses Sees haben wir für die nächste Nacht unser Lager aufgeschlagen. Links und rechts von uns standen traditionelle Jurten. Uns war erst nicht ganz klar, ob diese Jurten bewohnt waren oder nicht. Auch hatten wir ein wenig Zweifel, ob wir hier wirklich baden sollten und vor allem in welchem Outfit – schliesslich befanden wir uns ja im südlichen und somit verstärkt muslimischen Teil Kasachstans. Bald aber kam ein Kleinbus voller Kinder angefahren und nach kurzer Zeit plantschten sie im See. Somit wagten auch wir uns in den See. Das Wasser war angenehm kühl, erfrischend und sah erstaunlich sauber aus. Zur Feierabendzeit kam dann irgendwie das ganze Dorf an den Strand. Es wurden noch mehr Jurten aufgestellt, und der Strand wurde gereinigt („Reinigen“ heisst in Kasachstan: Alles Brennbare wird direkt an Ort und Stelle abgefackelt). Einer der Jurtenbesitzer lud uns in eine Jurte ein. Wie sich dabei herausstellte, wurden die Jurten extra für Touristen aufgestellt und sollten zum Übernachten vermietet werden. Wir lehnten dankend ab, denn unser Büssli schien uns komfortabler (trotz dem im Mietpreis enthaltenen knuddeligen Wachhund). 
Nach leckerer Pasta zum Abendessen spendierte uns die Natur einen wunderschönen Sonnenuntergang überm See. Vielleicht Dank des ständigen starken Winds war kein Mückenflugwetter und wir konnten draussen vorm Büssli essen.

Die Einheimischen zogen sich langsam wieder in ihr Dorf zurück. Einer von ihnen hatte einen Platten am Auto und bat uns um Hilfe. Klar doch, wir haben ja alles dabei. Über unsere 12V-Pumpe staunte der „Platten-Besitzer“ nicht schlecht. Das Rad war schnell wieder aufgepumpt und der Kasache verabschiedete sich hupend und winkend.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter südöstlich Richtung Kyzylorda. Rund um Kyzylorda wird mit viel Wasser aus dem Fluss Syr Darya Reis angebaut. Wasser, welches übrigens dann im Aralsee fehlt… Beidseits der Strasse waren riesige grüne Flächen zu sehen, viele davon bereits geflutet. Wir befürchteten Schlimmes: Mückenüberpopulation…, Büssli-Invasion…, Aufwachen als ein riesiger Mückenstich! Da es langsam dunkel wurde, mussten wir uns aber wohl oder übel einen Schlafplatz suchen. Irgendwo zwischen Reisfeldern und Eisenbahnlinie wurden wir fündig. Erstaunlicherweise gab es keine einzige Mücke! Sie schienen hier noch nicht Saison zu haben. Dafür gab es aber ganz lästige Fliegen, die einem immer tief in die Augen oder Ohren schauen wollten.

Apropos „Blutsauger“, eine Spezies gab es doch: Die auf der Strasse mit Uniform. Auf der Fahrt von Aralsk nach Turkistan wurden wir ganze SECHS Mal von der Polizei gestoppt (fünf Mal allein zwischen dem „Bett im Reisfeld“ und Turkistan – an einem einzigen Tag!). Einmal wollten sie uns wegen fehlenden Schmutzfängern büssen und das andere Mal, weil wir als Touristen nicht die Transitstrasse genommen hätten. Klar, sie wollten Geld sehen, und zwar am liebsten Dollar oder Euro. Aber wir haben unsere Prinzipien und zahlen kein Schmiergeld! Es kann richtig Spass machen mit einem Polizist zu diskutieren und immer nur so viel zu verstehen wie man gerade will. Nach 15 Minuten geben sie immer auf, oder lassen sich im Notfall mit einer Flasche Bier oder etwas Schokolade loswerden.

 

Oral – Aktobe – Aral

Die Wüste lag hinter uns und vor uns wieder die bis an den Horizont reichende Steppe. Kein Hügel, kein Baum. Aber dann – doch: Auf dem Weg von Atyrau in den Norden wurde es immer grüner, denn dort schlängelt sich der Fluss Ural von Russland kommend bis ins Kaspische Meer bei Atyrau. Sogar ein paar Bäume wuchsen entlang des Flusses und bunt-schillernde Vögel flogen um unseren Übernachtungsplatz am Fluss. Ein paar Pferde badeten ein paar Meter weiter. Die perfekte Idylle – wären da nicht all die Mücken!

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Am darauffolgenden Tag fuhren wir bis hinter Oral, wo es laut Reiseführer einen Campingplatz (!) geben sollte. Er entpuppte sich als „russischer“ Campingplatz, wo man nur in Hütten, aber nicht im Büssli übernachten konnte; Duschen gab es auch nicht. Da wir von der Hitze und der langen Fahrt recht erschlagen waren, haben wir uns nach einer Dusche (unserer Dachdusche) gesehnt und brauchten dafür nur noch eine hübschen, ungestörten Ort. Den fanden wir an der nächsten Schlaufe des Urals, wenn auch wieder mit Schwärmen von Mücken.

Nach einer kühlen Nacht und etwa 30 Mückenstichen mehr pro Person ging die Reise weiter nach Aktobe. Dort gönnten wir uns ein Hotel mit sowjetischem Ambiente. Die Zimmer waren günstig, dafür gab’s aber nur Einzelbetten und keine Klimaanlage. Egal, Hauptsache keine Mücken. So schmorrten wir den Rest des Nachmittags im Hotelzimmer vor uns hin und planten unsere Weiterreise. Die Stadt Aktobe erkundeten wir am Abend und am nächsten Tag. Aktobe ist recht übersichtlich in seiner Grösse, entlang der Hauptstrasse aber sehr lebhaft. Direkt neben unserem Hotel gab es ein Shopping Center inklusive Mini-Zoo vor der Tür und Moschee hinten dran. Ein Shopping Center in Kasachstan ist etwas anders aufgebaut als man es in Europa kennt. Die Läden, die alle eine Hausnummer haben, sind sehr klein und haben somit ein sehr beschränktes Sortiment. Der eine Laden verkauft Pelzmäntel, der nächste Abendkleider, der nächste Sommerkleider, etc. Von den meisten Teilen gibt es nur eine Grösse und Männerkleidung findet man selten. Eigentlich ist es wie ein überdachter, mehrstöckiger Bazar.
In der ersten Nacht in Aktobe zogen nach dem schwül-heissen Tag Gewitterwolken auf. Das Gewitter näherte sich nicht langsam, sondern begann mit einem laut krachendem Einschlag in eines der nebenstehenden Häuser. Daraufhin begannen etwa 20 Autoalarmanlagen auf dem Parkplatz im Hinterhof zu heulen. Kurz nachdem der Alarm wieder gestoppt hatte, kam ein neuer Blitz und Donner und das Geheul fing von vorne an. Starker Regen platzte aus den Wolken. Es dauerte allerdings nicht lange und das Gewitter war vorbeigezogen. Aber es hat gereicht: Endlich Abkühlung!

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Von Aktobe aus fuhren wir weiter süd-östlich nach Aral (bzw. Aralsk). Entlang der Strasse sollte laut Reiseführer und Internetrecherche ein ca. 1 Mio. Jahre alter Meteoritenkrater (Zhamanschin) mit ca. 14 km Durchmesser und 700 m Tiefe liegen. Auf eigene Faust fanden wir lediglich Steine, die aussahen, wie sprödes Glas. Dies sollte beim Aufprall des Meteoriten durch die hohe Hitze und den Druck entstanden sein. Um zum Krater zu kommen, fragten wir bei mehreren kleinen „Raststätten“ entlang der Strasse nach, aber keiner wusste irgendwas oder wenn doch, dann nichts Genaues. Den Krater haben wir somit leider nicht gefunden, aber ein paar schöne Einblicke in die kasachischen Einkehrmöglichkeiten entlang der Hauptstrasse.

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Manchmal sah es so aus, als liege der Aralsee direkt vor uns. Aber wir sind nicht auf die zahlreichen Fatamorganas reingefallen und immer schön auf der Strasse geblieben.

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In Aral machten wir uns auf die Suche nach dem Aralsee. Der nördliche Aralsee sollte ja aufgrund des gebauten Damms schon wieder angewachsen sein. Wir fuhren die einzige Strasse (Schotterpiste), die in Richtung der Aralsee-Küste führte, und kamen bis zu einem Dorf (Zhalangash), wo laut Reiseführer Schiffswracks zu sehen sein sollten. Diese sind aber wohl mittlerweile von Schrotthändlern zerlegt und verscherbelt worden. Der weitere Weg zum See bestand aus einer sandigen Fahrrinne. Unschlüssig, was wir nun machen sollten, standen wir am Rand des Dorfes zwischen blökenden Kamelen. Nach und nach scharrten sich immer mehr Kinder (Jungs) um uns herum. Der Mutigste fragte uns, wie wir heissen und sagte seinen Namen, währendem der Frechste heimlich die Ventilkappen von unseren Reifen schraubte!
Wir beschlossen, keine weiteren 30 km über eine Sandpiste mit ungewissem Ziel zu fahren und kehrten um, zurück nach Aral. Dort durchquerten wir das ehemalige Hafenbecken (jetzt teilweise Müllkippe) und stellten uns einfach vor, im Aralsee zu schwimmen.

Während in Zürich noch über einen unnützen Hafenkran diskutiert wird, hat Aral (unfreiwillig) bereits zwei davon…

 

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Infos Kasachstan

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Camping in Kasachstan

Campingplätze wie man sie in Europa kennt, gibt es in Kasachstan nicht. Manchmal kann man am Strassenrand eine blaue Tafel mit einem Zelt sehen; diese führen zu bewachten Rastplätzen (автостоянка, in Kasachstan verwirrenderweise auch manchmal кемпинг genannt), auf welchen gegen eine kleine Gebühr (100 – 400 Tenge) übernachtet werden kann. Komfort und Idylle sollte man nicht erwarten. Falls man doch mal einen Campingplatz im Grünen findet (manche Reiseführer haben da „Geheimtipps“), handelt es sich um Campingplätze im „russischen Stil“, d.h. kleine Hüttensiedlungen (Cabins), in denen man übernachten kann; jedoch keine Stellplätze für Wohnmobile. Für die Benutzung der eventuell vorhandenen Duschen oder Toiletten muss man eine Hütte mieten.

Wild zu campieren ist jedoch in Kasachstan kein Problem. Es gibt genügend schöne Plätze in den weiten unbesiedelten Gebieten, an denen man für sich ist. Am besten entfernt man sich dafür von der Hauptstrasse entlang einer Nebenstrasse für 1-2 km und stellt sich dann irgendwo auf die Wiese. Achtung: Der Untergrund ist teilweise sehr sandig und ein Offroad-Fahrzeug ist empfehlenswert. Am besten ist es, schon vorgefahrenen Spuren zu folgen und immer dort zu fahren, wo es am Grünsten (also viel Gras) ist. Besonders in der Nähe von Seen und Flüssen ist ein zuverlässiger Mückenschutz wichtig.

Strassenverhältnisse

Die kasachischen Strassen sind teilweise in einem abenteuerlichen Zustand und es muss mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von unter 50 km/h gerechnet werden. Es wird aber fleissig gebaut, um zumindest die grösseren Städte mit guten Strassen zu verbinden. Aktuelle Informationen zu den Strassenverhältnissen in Kasachstan findet ihr unter www.caravanistas.com/transport/driving/kazakhstan. Vor allem auf den neu gebauten Strassen ist mit mangelhafter Beschilderung zu rechnen. Die super neue Strasse kann ohne Vorwarnung abrupt mit einem 10 cm hohen Absatz enden. Mit tiefen Schlaglöchern und Tieren auf der Strasse (Kamele, Dromedare, Pferde, Kühe, Erdmännchen, Schildkröten) muss man überall rechnen.

Orientierung

In Aktau gibt es keine Strassennamen, sondern nur Mikro-Rayone (микро-район), die chronologisch nummeriert sind, und Hausnummern, die an der obersten Ecke auf die Häuser gepinselt wurden. Sucht man ein bestimmtes Hotel o.ä. ist eine Strassenkarte, in der die Mikro-Rayons- und Hausnummern eingetragen sind, unerlässlich. Am besten vorher im Internet eine Karte suchen und runterladen.

Menschen

Die Kasachen sind ein sehr freundliches und neugieriges Volk. Beim Autofahren sind sie recht ungeduldig und es wird viel gehupt. Die meisten Kasachen sprechen Russisch, wenn auch im Süden weniger als im Norden. Die jüngeren Leute können teilweise ein paar Brocken Englisch. In den meisten Hotels spricht man an der Rezeption mittleres bis gutes Englisch.

Tankstellen

Das kasachische Tankstellennetz ist gut ausgebaut. Es gibt jedoch einige Strecken (auch die dick rot gemalten Fernstrassen in der Karte!), an denen zwischen zwei Tankstellen 300 km vergehen. Also vorher gut informieren und am besten eine Notration Kraftstoff mitnehmen. In grösseren Ortschaften direkt an den Fernstrassen, gibt es normalerweise mindestens eine Tankstelle. Benzin ist mit 80, 92 und 95 Oktan verfügbar, höhere Oktanzahlen (98) sieht man nur in den Städten. Es wird empfohlen, nur bei Tankstellenketten zu tanken. Die Reinheit des Benzins der kleinen Betreiber kann nicht garantiert werden…

Beim Tanken wird zuerst der Zapfhahn eingesteckt, dann bezahlt (unter Angabe des Kraftstoffes, der Zapfsäule und der Literanzahl an Kraftstoff, die man tanken möchte) und anschliessend getankt.

Autowäsche

Wir haben schon mehrmals gehört, dass es in Kasachstan ein Gesetz gibt, welches verbietet, mit schmutzigen Autos rumzufahren. Wir können es immer noch nicht ganz glauben, aber tatsächlich sind die meisten Autos hier sehr sauber (trotz Wüstenstaub). Es gibt auch sehr viele Autowaschanlagen (Автомойка), in denen man sich sein Auto für 1200 – 1700 Tenge waschen lassen kann – natürlich alles manuell! Ein preiswertes Erlebnis, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Polizeikontrollen

Wie in Russland gibt es auch in Kasachstan immer wieder Strassenkontrollposten. Sie sind schon weit im Voraus signalisiert, beginnend mit Geschwindigkeitsreduktion und schlussendlich mit einem Stoppschild. An diesem Schild unbedingt anhalten, auch wenn weit und breit niemand zu sehen ist.

Wenn man irgendwo angehalten wird, Pässe und Fahrzeugpapiere vorzeigen, immer freundlich sein und nur gerade das Notwendigste verstehen (nicht, dass wir mehr verstehen könnten). Meist fragen sie, woher man kommt und wohin man will. Diese Fragen kann man ohne Bedenken beantworten. Schmiergeld haben wir bis jetzt nie bezahlt (es gab auch noch nie einen Anlass dazu) und werden wir aus Prinzip auch in Zukunft nicht machen. Einfach Geduld haben (am besten mehr als der Beamte), höflich bleiben und falls es doch Probleme geben sollte, den Vorgesetzten verlangen. Meist verleidet es den Polizisten eh nach einigen Minuten Kommunikationsschwierigkeiten. Anders sieht es aus, wenn ihr tatsächlich gegen eine Verkehrsregel verstossen habt; dann solltet ihr natürlich dafür geradestehen.

Einreise / Registrierung

Für die Einreise wird ein Visum benötigt, das ihr am besten schon in eurem Heimatland organisiert (spart Zeit während der Reise). Für Touristen gibt es ein 30-Tages-Visum oder ein 60-Tages-Visum (zweimalige Einreise) mit maximal zwei Mal 30 Tagen Aufenthalt in Kasachstan. Nach (je)dem Grenzübertritt muss man sich in Kasachstan für die Aufenthaltsdauer im Land registrieren lassen. Wir haben dies zuerst über ein Hotel versucht, was nicht geklappt hat (es sind nur ganz bestimmte Hotels, die die Registrierung organisieren können). So sind wir tags darauf zum Migrationsamt in Atyrau und haben die Registrierung selber machen lassen. Geht man selbst zum Amt, kostet die Registrierung nichts und hat bei uns etwa 30 Minuten gedauert. Der ganze Vorgang war extrem spannend anzuschauen und gab einen Einblick in den kasachischen Behördenalltag, der doch etwas anders aussieht als bei uns…

 

 

 

 

 

Mangghystau – Am Kaspischen Meer

Auch in Atyrau und Umgebung konnten wir nirgendwo mit dem Büssli ans Kaspische Meer fahren (Delta, keine Strassen, …). Also nahmen wir einen kleinen Abstecher auf die Halbinsel Mangghystau in Angriff, wo es laut Reiseführer wunderschöne Buchten geben sollte. Doch aus dem kleinen Abstecher wurde eine ziemliche Tortur. Wir waren von Berichten im Internet gewarnt worden: die Strasse zwischen Beyneu und Shetpe sei „a really, really bad desert track“. 300km Piste lagen vor uns mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h. Und das Ganze dann auch noch bei 40°C im Schatten, von dem es weit und breit keinen gab! Zum Glück waren einige Abschnitte bereits neu geteert und so konnten wir die ganze Strecke Atyrau-Aktau dann doch fast in einem langen, anstrengenden Tag fahren.

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Am Ende haben sich die Strapazen und die Wüstenstaubschicht auf und im Büssli gelohnt. Zwischen Shetpe und Aktau kamen wir an riesigen Ölfeldern vorbei. Aktau ist eine Stadt zwischen Meer und Wüste die einzig und alleine wegen der Öl- und Uranvorkommen gebaut wurde. Nachdem wir unsere Vorräte aufgefüllt und einen Stadtplan organisiert hatten (den braucht man in Aktau unbedingt, da es keine Strassennamen gibt, nur Nummern), fuhren wir wieder hinaus in die Wüste, wo wir uns nördlich von Aktau ein Plätzchen am Strand suchten und unser Lager aufbauten. Türkisblaues Meer und kleine Muschelsandbuchten zwischen den Kalksteinklippen und mitten drin unser Büssli direkt auf den Klippen. Eigentlich wunderschön, wäre da nicht dieser Abfall! Die Kasachen haben ihren Abfall leider nicht so im Griff. Alles wird liegen gelassen und was gesammelt wird, wird auf offenem Feld verbrannt.

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Nach einem Bad im sehr kalten Kaspischen Meer haben wir zum ersten Mal auf dem Biolite Kocher unser Abendessen gekocht. Hat super funktioniert und Gas gespart haben wir dadurch auch. Unser Gastank war nämlich fast leer und wir konnten bisher kein neues Gas tanken – obwohl wir mitten im weltgrössten Ölfeld sassen. Das Problem war, dass keine LPG-Tankstelle einen passenden Adapter zu unserem Tank hatte. Das musste schleunigst geändert werden, und somit haben wir uns am nächsten Tag mit Hilfe eines Aktauers auf die Suche nach einem Mechaniker gemacht, der uns einen Adapter bauen könnte. Der freundliche Herr düste mit uns kreuz und quer durch die Stadt bis wir beim fünften Anlauf endlich einen Mechaniker gefunden haben, der geöffnet hatte. Innerhalb von ein paar Stunden hat er uns einen passenden Adapter für umgerechnet 15 CHF gedreht. Endlich konnten wir wieder Gas tanken!

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Am darauf folgenden Tag fuhren wir zurück nach Shepte und von dort aus ein Stück weiter nach Nordwesten zum Berg Scherkhala, der wie eine riesige Jurte aus der Steppe emporragt. Ein Stück weiter in Richtung Schair haben wir uns noch eine Oase und wundersame steinerne Kugeln angeschaut. Die Kugeln sind über viele Millionen Jahre hinweg durch Ablagerung von Mineralien um kleine Meeresgetiere herum entstanden.

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Anschliessend ging es an die Rückfahrt nach Atyrau, auf die wir uns so gar nicht freuten. Diesmal hatten wir allerdings besser geplant und sind ein erstes kleines Stück der Horror-Strecke Shetpe-Beyneu am Abend gefahren als es schon langsam wieder kühler wurde. Für den Rest der Strecke sind wir am nächsten Morgen um 5 Uhr aufgestanden, haben alle Vorhänge hinten geschlossen gelassen und sind direkt losgefahren als es gerade hell genug war. Somit hatten wir die ganze Zeit die Sonne im Rücken und waren vor der Mittagshitze in Beyneu. Von Beyneu nach Atyrau waren die Strassen wieder besser und wir hatten den Fahrtwind als Klimaanlage.

 

Reparatur in Atyrau

Nach einer ruhigen Nacht in der kasachischen Steppe sind wir wohlbehalten in Atyrau eingetroffen und haben uns ein Hotel gesucht. Auch in Kasachstan mussten wir uns nach dem Grenzübertritt registrieren lassen und das geht (normalerweise) am einfachsten im Hotel. Wir haben uns auf der asiatischen Seite der Stadt (Atyrau ist das kasachische Tor zu Asien) ein schönes Hotel ausgesucht und sind mit unserer Rakete auf den Parkplatz gefahren. Genau beim Einparken ging der Motor von selbst aus und hat anschliessend keinen Wank mehr gemacht. Wir waren froh, dass sich unsere erste Panne einen so idealen Platz „ausgesucht“ hat. Ein Schlafplatz im Hotel und eine gute Internetverbindung zu unserem „Mechaniker des Vertrauens“ war uns sicher. Nach einem kurzen Check war klar, dass irgendwas mit der Zündung nicht funktionierte. Kein Zündfunke in der Kerze und auch keiner am Verteiler. Während wir am Büssli nach dem Problem suchten, gesellten sich zwei Kasachen zu uns und waren sehr interessiert am Motor des Büsslis und an dem, was wir da machten. Da sie als Fahrer beim Hotel arbeiteten, kannten sie sich mit Autos aus und gaben uns Tipps (Wir haben schon mehrmals festgestellt, dass Kasachen generell recht freundliche, neugierige und hilfsbereite Menschen sind. Und sehr geschäftstüchtig – dazu jedoch später mehr). Schnell waren alle der Meinung, dass die Zündspule defekt sein muss. Aber ausgerechnet eine Zündspule hatten wir leider nicht in unserem grossen Ersatzteilpaket dabei! Woher also eine neue Zündspule bekommen? Die VW-Vertretung war wegen des Feiertags geschlossen (in Russland und Kasachstan ist irgendwie alles Feiertag zwischen dem 1. und 9. Mai). Einer der Kasachen meinte, dass wir auf dem Basar eine Zündspule bekommen könnten. Also fuhr er mit Christian los. Auf dem Basar schien es alles zu geben! Der kasachische Fahrer führte Christian zielstrebig zu einer Baracke, in der verschiedenste Autoersatzteile angeboten wurden. Es gab zwar keine original VW Zündspule, aber zumindest ein chinesisches Replikat für 4000 Tenge (20 CHF). Nach der Rückfahrt erklärte der freundliche Kasache dann, dass seine Dienstleistung auch noch 3000 Tenge (15 CHF) kosten würde. Gemäss Reiseführer kostet eine Taxifahrt quer durch Atyrau maximal 1000 Tenge (5 CHF), aber da wir keine Diskussionen wollten, gaben wir ihm, was er wollte.

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Reparatur mit kasachischer Unterstützung

 

Nach dem Einbau der neuen Zündspule passierte genau – nichts… Der Raketenmotor wollte einfach nicht starten. Immer noch kein Zündfunke am Verteiler. Nach kurzem Überlegen haben wir das Steuergerät ausgetauscht. Gemäss Aussage unseres Mechanikers in der Schweiz würde das Steuergerät zwar NIE kaputtgehen, aber ein Versuch war es wert. Und siehe da… die Rakete funktionierte wieder einwandfrei!

Beim Einchecken im Hotel hatten wir gefragt, ob wir uns über das Hotel registrieren lassen könnten. Die Dame an der Rezeption sagte, dass es möglich sei und kopierte unsere Pässe. Beim Auschecken am nächsten Tag fragten wir nach, ob mit unserer Registrierung alles geklappt hätte. Da wurde uns gesagt, dass das Hotel diese Dienstleistung gar nicht erbringen würde! Hmm… naja, das war dann wohl ein Missverständnis. Also machten wir uns auf zum Migrationsamt, um uns selbst um die Registrierung zu kümmern. Erstaunlicherweise (entgegen aller Horrorgeschichten aus dem Reiseführer) ging die Registrierung schnell und die Beamten waren sehr freundlich. Sie betonten zwar, dass heute eigentlich Feiertag sei, aber schliesslich waren ja trotzdem alle im Büro. Nach rund 30 Minuten hatten wir die notwendigen Stempel und konnten unsere Fahrt Richtung Aktau beginnen.

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Brücke zwischen Europa und Asien (Blick auf die europäische Seite)

 

 

 

Kasachische Steppe

Nach einem unkomplizierten Grenzübertritt von Russland nach Kasachstan veränderten sich Strassen und Landschaft sehr schnell. Die Strasse nach dem Grenzübergang war eigentlich eher ein dichter Schlaglochteppich und um die wenigen Flecken intakten Teers musste man sich sogar mit dem Gegenverkehr streiten. Wenn die andere Strassenseite weniger Löcher hat, kann es schon mal sein, dass einem die Autos direkt entgegenkommen. Im Reiseführer steht: „Auf Kasachstans Strassen gilt das Recht des Stärkeren…“ Wir haben uns dem gefügt und sind immer schön brav ausgewichen.

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Im ersten Ort nach dem Grenzübergang haben wir als erstes einen Bankomaten gesucht. Scheinbar wird in Kasachstan am 6. des Monats der Lohn ausbezahlt, anders konnten wir uns die langen Schlangen vor den Automaten nicht erklären. Beim Anstehen musste man sich ganz dicht an den Vordermann drängen, sonst wäre man von den Einheimischen „überholt“ worden. Lustig war auch, dass sich teilweise bis zu fünf Personen um den Bankomat geschart hatten und sich dann gegenseitig beim Geldabheben zuschauten und eventuell noch hilfreiche Tipps gaben. Es wirkte so, als wäre der Bankomat die neueste Errungenschaft des Dorfes und alle wollten schauen, wie es funktioniert. Als wir dann endlich an der Reihe waren, haben wir den Grund der Aufregung gesehen: Nach der PIN-Eingabe blieb der Bildschirm schwarz und nach ein paar Sekunden kam die Meldung „Timeout“ – Transaktion abgebrochen. Neuer Versuch mit anderer Karte, gleiche Meldung. Nach dem vierten Versuch hat uns dann der Wachmann der Bank darauf hingewiesen, dass man beim schwarzen Bildschirm die zweitoberste Taste drücken muss… Aaach so, ja klar! Mit dieser Info hat dann doch noch alles geklappt :).

Die Felder und Überschwemmungsgebiete, die in Russland das Landschaftsbild hauptsächlich bestimmt hatten, verschwanden und die karge Steppe breitete sich vor uns aus. Die Ortschaften wurden immer kleiner und der Abstand zwischen ihnen immer grösser. Das würde unsere erste Nacht in der Wildnis werden. Es wäre schade gewesen, die Nacht nicht in dieser beeindruckenden Landschaft zu verbringen. Hier gab es genug Platz, um ein wenig abseits von der Strasse sein Lager aufzubauen. Anfangs waren wir noch ein wenig misstrauisch, wie weit der Untergrund es zulassen würde, von der Strasse wegzufahren. Aber nachdem wir immer wieder Autospuren gesehen haben, die im rechten Winkel von der Strasse abbogen und sich im Nichts verloren, haben wir uns getraut und sind einfach einer solchen Spur gefolgt. Am Horizont haben wir ein paar Büsche erspäht, hinter welche wir uns stellen wollten. Vorsorglich hatten wir schon zu Beginn gleich die Differential-Sperre angeschaltet. Nach und nach wurden wir mutiger, verliessen die Spur, suchten unseren eigenen Weg. Bis… wir die Grenzen unseres Büsslis kennenlernten: Die Fahrt durch eine Sandmulde war dann doch zu viel! Beide Räder drehten durch und das Büssli sank immer tiefer in den Sand. Kein Wunder: Nach den Muschelteilen im Sand zu urteilen, reichte das Kaspische Meer mal bis hierher. Wir waren also quasi am Strand. Nach einer kurzen Lagebeurteilung haben wir die Sandbleche vom Dach geholt und etwas Luft aus den Hinterreifen abgelassen. Nach mehreren Anläufen funktionierte es endlich und das Büssli rollte rückwärts über die Sandbleche aus dem Sandloch… in den dahinter liegenden Sandhügel hinein. Schön! Also, die gleiche Aktion nochmals. Und dann waren wir endlich frei. Vorsichtshalber fuhren wir dann noch ein paar Meter weiter zurück auf dem festeren Boden und stellten dort unser Nachtcamp auf. Sogar unsere Dusche konnten wir das erste Mal in Betrieb nehmen; zumindest, um unsere Hände zu waschen. Nach feinen Älplermakkaroni und einem wunderschönen Sonnenuntergang hatten wir eine erholsame Nacht mitten in der bis zum Horizont reichenden Steppe West-Kasachstans.

 

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