Almaty – Reparatur nach russischer Art

In Almaty waren wir mit dem „Office-Manager“ von Valentina’s Guesthouse verabredet. Da leider kein Platz mehr im Guesthouse war, sollten wir in einem Stadtapartment untergebracht werden. Der Manager führte uns zu einem alten Hochhaus im sowjetischen Stil. Das Treppenhaus war düster, der Lift wacklig und miefig und insgesamt schien alles schon recht heruntergekommen. Das Apartment im siebten Stock war auch schon ziemlich verwohnt. Aber immerhin war es zentral gelegen (soweit man beim weitläufigen Almaty überhaupt von einem Zentrum reden kann), im Bad gab’s eine Waschmaschine und in der Küche einen schicken grossen Kühlschrank. Das Bett hingegen sollte dringend mal erneuert werden! Sonst bleibt man bald ganz in dem Loch stecken, in dem nachts die Matratze versinkt… Ach ja, und was so kleine Krabbelviecher in Wohnungen angeht, sollte man hier auch nicht so heikel sein… Aber das sind wir ja auch nicht ;). Aber trotzdem wollen wir sobald wie möglich wieder im Büssli schlafen.
Nun ja, mal schauen, was die Werkstatt sagt… Welche Werkstatt überhaupt…? Es gibt ja soo viele, viele kleine Werkstättchen in Kasachstan! Ausserdem war Wochenende… Welche Werkstatt hat hier auch am Wochenende geöffnet? Wir haben den Samstag damit verbracht, sämtliche Leute, die uns vielleicht weiterhelfen könnten, anzuschreiben. Im Internet haben wir eine VW-Werkstatt gefunden, die allerdings etwas weiter ausserhalb lag und wahrscheinlich recht teuer sein würde. Auf all unsere Anfragen kam nur eine Antwort zur rechten Zeit: Maral und ihr Vater haben uns eine Werkstatt in der Nähe vom Apartment empfohlen. Als Dankeschön und auch, weil wir uns so gefreut haben, Maral kennenzulernen, wollten wir sie am Samstagabend zum Essen einladen. Aber wir haben die Rechnung ohne die kasachische Gastfreundschaft gemacht und so wurden wir schlussendlich zum Nachtessen (traditionelles Schaschlik) eingeladen.

In der Werkstatt mussten wir auf russisch unser Problem erklären. Nicht ganz einfach, da unsere Russischkenntnisse sehr beschränkt sind – von Fachausdrücken ganz zu schweigen. Aber mit Händen und Füssen konnten wir das Problem dann doch verständlich machen. Und der weisse Rauch war ja schliesslich nicht zu übersehen. Schnell war klar, die Wassermanteldichtung musste ersetzt werden, vermutlich bei den rechten zwei Zylindern. Aber zur Sicherheit wollten sie sowieso beide wechseln. Mit telefonischer Hilfe von Liudmila, unserer Russischlehrerin, konnten wir die noch offenen Fragen und Details klären (Ganz lieben Dank nochmal, Liudmila, du hast uns sehr geholfen!!!). Nachdem wir eine Anzahlung von 40’000 Tenge (~200 CHF) gemacht hatten, liessen wir unser Büssli wehmütig in der Werkstatt zurück.
Zum Trost gab es am Abend ein Bier und das WM-Spiel Schweiz-Ecuador mit erfreulichem Ergebnis :). Als Schweiz-Fans gehörten wir zwar zur Minderheit in der Bar, aber die Kasachen sind sehr tolerant und haben sich am Ende wohl auch ein bisschen für die Schweiz mitgefreut.

WP_20140615_001

Am darauffolgenden Tag statteten wir der Werkstatt einen kurzen (Kontroll-) Besuch ab. Tatsächlich, der Motor war zerlegt und die Ventilköpfe (hoffe, das ist der richtige Ausdruck) waren bereits unterwegs zum Überarbeiten. Die Werkstatt und wohl auch die Arbeitsweise in Kasachstan ist nicht mit der in der Schweiz zu vergleichen. Werkstattordnung ist ein Fremdwort. Überall liegen halb zerlegte Motoren und kaputte Teile herum. Die Beleuchtung bestand aus ein paar an der Wand hängenden Glühbirnen, die flackerten wenn nebenan in der Autowäsche der Hochdruckreiniger angeschaltet wurde. Halt eine richtige Bastelwerkstatt. Auf die Frage, ob sie denn schon mal solch ein Motor zerlegt hätten, antwortete der Mechaniker mit „нет никогда не видел“ („Nein, noch nie gesehen“). Die wissen, wie man Vertrauen schafft :-).

WP_20140616_10_53_26_Pro WP_20140615_13_05_23_Pro WP_20140616_10_53_20_Pro

Als nächstes mussten wir die mongolischen Visa besorgen und unser Garmin Navi, bei dem das Display kaputt gegangen ist, reparieren oder ersetzen. So machten wir uns auf und versuchten uns mit dem Busnetz von Almaty. Es gibt hier vermutlich über 200 Buslinien; ein System bei den Routen war für uns nicht zu erkennen. An den Haltestellen steht nicht immer dran, welcher Bus dort hält und Fahrpläne gibt es erst gar nicht, da sie wegen des Staus in der Innenstadt eh nicht eingehalten werden können. Lediglich im Internet gibt es ein Tool, mit dem man sich die passende Buslinie heraussuchen kann. Ob man dann die dazugehörige Haltestelle findet und der Bus wirklich so fährt wie geplant ist ein anderes Thema. Dafür ist das Preisschema sehr einfach: Für jeden Bus, in dem man fährt, zahlt man 80 Tenge (40 Rappen) an den Busbegleiter (der hat auch die Aufgabe, die Fahrgäste möglichst schnell in und aus dem Bus zu bugsieren). Fährt man eine längere Strecke im gleichen Bus, zahlt man manchmal nochmals 80 Tenge beim Aussteigen. Die alten Busse sind oft in einem abenteuerlichen Zustand, aber die Fahrer steuern sie sehr geschickt mit plötzlicher Beschleunigung und abruptem Bremsen durch den Stadtverkehr. Wer sich nicht festhält, hat definitiv verloren…

Ein Garmin Navi, das unseren Vorstellungen entsprach, konnten wir in keinem Laden finden. Wieso wir denn kein günstiges Russisches kaufen würden, wurden wir immer gefragt. So eins hatten wir bereits und es ist nicht wirklich brauchbar. Schlussendlich haben wir einen Verkäufer gefunden, der meinte, er würde uns eins auftreiben und uns später anrufen (Das hat er dann auch getan und noch am gleichen Abend waren wir fröhliche Besitzer eines neuen, schönen Navis).

Am Nachmittag haben wir nach weiteren Busfahrten und einem Marsch von ca. 8 km endlich das mongolische Konsulat erreicht. Auf das Klingeln am Tor erschien ein junger Herr und erklärte uns, dass wir am nächsten Tag wiederkommen sollten, der Konsul sei gerade in der Stadt unterwegs. Wir liessen uns nicht abwimmeln – schliesslich waren wir zu den offiziellen Öffnungszeiten da – und erklärten ihm, dass wir durch ganz Almaty gelaufen seien, um hier unser Visum zu beantragen. Daraufhin hatte er ein wenig Mitleid und liess uns eintreten. So konnte Christian zumindest das Formular ausfüllen und den Pass abgeben. Iris musste als deutsche Staatsbürgerin gar kein Visa beantragen. Wir hoffen, dass das auch die Grenzbeamten wissen! Anschliessend haben wir uns auf den langen Rückweg gemacht, aber glücklicherweise einen Bus gefunden, der den grössten Teil der Strecke gefahren ist, ohne dass wir umsteigen mussten. Am Abend gab’s wieder Public Viewing und wieder mit super Ergebnis: Deutschland-Portugal 4:0 ! 🙂

Am nächsten Tag sind wir direkt wieder zum Konsulat gefahren, um Christians Pass mit neuem Visa abzuholen. Als wir dort um ca. 14 Uhr ankamen, hing jedoch ein Schild am Tor, dass man nach 16 Uhr wiederkommen solle. Herrje… Also, wieder in den Bus und ein Stück in die Stadt zurückgefahren. Wir haben die Zeit genutzt, um Christian beim Frisör die Matte abnehmen zu lassen. Nun ist er stolzer Besitzer eines klassischen russischen Haarschnitts :). Zurück beim Konsulat war wieder der junge Herr da, der uns Christians Pass mit Visum durch das Tor reichte. Geschafft!

L1070542

Anschliessend sind wir eine gute Stunde im Bus zurückgefahren und noch eine weitere halbe Stunde gelaufen, um wieder bei der Werkstatt zu sein. Und siehe da: Büsslis Motor lief wieder! Juhuu!! Wir hattem dem Mechaniker gesagt, auch die Bremsen zu prüfen und den Grund eines klappernden Geräuschs am rechten Hinterrad herauszufinden. Ein Bremsentest und ein Check des rechten hinteren Antriebswellengelenks ist für heute angesetzt. Wir drücken weiter die Daumen, dass bis heute Abend alles fertig ist und das Büssli parat für die Etappe ins Altai-Gebirge, in die Mongolei, zum Baikalsee und nach Wladiwostok ist!

Ein Gedanke zu “Almaty – Reparatur nach russischer Art

  1. Unglaublich was ihr alles erlebt 🙂 Wir freuen uns immer von Euch zu lesen und reisen in Gedanken mit.
    Viele liebe Grüße aus Brisbane Inga und Markus

Wir freuen uns auf deine Kommentare

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s